Kosten des deutschen Gesundheitssystems

Von der Bedarfshaltestelle aufgeschnappt: Kosten des deutschen Gesundheitssystems erläutert.

Dieses interaktive Poster scheint mir ein interessanter erster Schritt, um Organisation, Struktur und Kosten des Gesundheitswesens zu verstehen.

Was ich nicht gedacht hätte: daß ambulante Einrichtungen doch den größeren Anteil der Gelder erhalten. Wenn man so in der Notaufnahme eines Krankenhauses arbeitet, glaubt man, im ambulante Sektor liefe fast nichts mehr. Auf Ultraschalluntersuchungen (des Bauches) warten Patienten Wochen, hausärztliche Notdienste schicken regelhaft auch ambulant durchzuführende Dinge in die Notaufnahme. Was machen die nur mit all dem Geld?

Was Ihnen Ihr Arzt schon immer mal antworten wollte…

…aber aus Höflichkeit, Selbstdisziplin und dem Wissen, daß er dennoch in der besseren Situation ist, meist unterlässt.

Weswegen kommen Sie zu uns?
Patientenantwort: Das steht in den Papieren/ auf der Einweisung!
Glauben Sie, ich kann nicht lesen oder würde meine Zeit mit unnützer Fragerei vertun?? Dann aber besser nichts wie ab – von so jemandem ließe ich mich nämlich nicht behandeln
Ja, Lesen kann ich schon auch, nur haben Studien gezeigt, daß das Wichtigste, was ein Arzt für seinen Patienten tun kann, die ausführliche Erhebung der Krankengeschichte ist, da sie Diagnostik und Therapie bestimmt. Daher wäre es nett, Sie würden mir das  – trotzdem es in etwa auf der Einweisung/ den Papieren steht – schildern. Und das wird wahrscheinlich auch nicht das letzte Mal sein, daß Sie gebeten werden, Ihre Anliegen zu schildern.

Und dabei verschweigen wir denn auch, welchen Unfug viele Hausärzte auf die Einweisungen schreiben wie z.B. “Vorbefunde anbei” (meist nicht auffindbar) oder noch besser “Befunde vorab an CA Meier-Müller-Schulze gefaxt” – haha, wie soll man die finden?? Bestenfalls werden diese verlegt,  schlimmstenfalls weggeworfen

Welche Krankheiten sind denn bei Ihnen bekannt?

Patientenantwort: Keine.

Nehmen Sie Medikamente ein?

Patientenantwort: Ja, Blutdrucktabletten und noch eine ganze Menge  anderer…

Und was – glauben Sie – wird damit behandelt? Tabletten nimmt man ja in der Regel nicht, weil man gesund ist….

Also wird ein hoher Blutdruck behandelt?

Patientenantwort: Der ist jetzt normal

Jaaa, aber unter Medikation ist es immer noch ein Bluthochdruck, der da behandelt wird.

Welche Medikamente nehmen Sie denn außerdem noch ein?

Patientenantwort: Oh, noch eine ganze Menge, aber die Namen habe ich jetzt vergessen..die einen sind klein und grün, die anderen rosa…

Glauben Sie wirklich, wir würden die Tabletten an Form und Farbe erkennen oder anordnen? Und was stopft Ihr eigentlich alles ohne Kenntnis in Euch hinein??

Haben Sie eine Medikamentenliste dabei?

Patientenantwort: Nein – hat mein Hausarzt Ihnen keine mitgegeben? Dann müssen Sie da wohl anrufen!

Klar, am Mittwoch Nachmittag/nachts um 3 Uhr wird der gerade seine Praxis offen haben. Wenn ich das für jeden Patienten machen muss kann ich meine Arbeitszeit am Telefon verbringen statt mit Patientenbehandlung

Aber da wir ja ohne Medikation keine Behandlung durchführen können, rufen wir natürlich häufig genug in der HA Praxis an…und verkneifen uns die giftigen Kommentare auch da.

Wir nehmen Sie dann stationär auf.

Patientenantwort: Was?! Das hat mir aber keiner gesagt!

Aber Ihr Hausarzt schickt Sie mit einer Einweisung zu uns und möchte, daß wir Magen- und Darmspiegelung, zu denen wir Ihnen raten,  stationär durchführen.

Patientenantwort: Das hat er mir aber nicht gesagt.

Aber mir hat er es aufgeschrieben

Alternativ kann es auch so laufen:

Wir nehmen Sie dann stationär auf.

Patientenantwort: Aber in 3 Tagen werde ich wieder entlassen hat mein Hausarzt gesagt!

Klar, der kann ja auch die Ergebnisse der Diagnostik voraussehen, die er durchführen lassen möchte und kennt die Krankenhausstrukturen schlecht genug oder lügt gut genug, um das zu behaupten…

Sehen Sie, ich kann Sie jetzt mit einer der häufigsten Arztlügen abfinden, um meine Ruhe zu haben, aber wann Sie entlassen werden, hängt vom Ergebnis der Diagnostik ab, die wir durchführen und die kann ich nicht vorhersehen.

Meist hat man Glück, und es sind nur ein oder zwei der Fragen, die derart unkonstruktive Antworten ergeben – und natürlich gibt es in der Welt auch “fitte” Hausärzte, die Vorbefunde tatsächlich adäquat mitgeben, manchmal sogar anrufen, um die unvermeidlichen Kommunikationsprobleme zu umgehen. Patienten geben nahezu niemals korrekt wieder, was entweder wir oder die Hausärzte gesagt haben und hören wie die meisten Menschen nur das, was sie hören wollen…weswegen manche von uns denn oft die direkte Kommunikation mit den in der Wildnis tätigen Kollegen suchen. Oh, und ja, eine Wildnis muß man das Gesundheitssystem schon nennen…


Altneue Erkenntnisse

Als ich am (humanistischen) Gymnasium meiner Heimatstadt Abitur machte – mit großem Latinum und Altgriechisch Leistungskurs wurde ich als Dinosaurier angesehen, wenn ich  – gefragt nach dem Zweck der humanistischen Bildung – auf eine fundierte Allgemeinbildung verwies. “Pah” kommentierte ein Familienmitglied, das den naturwissenschaftlichen Zug eines Gymnasiums absolviert und das Abitur mit dem Durchschnitt 1,1 abgelegt hatte. Nutzen werde mir dies nicht. Er entsprach dem Zeitgeist – und war stolz darauf.

Meine humanistische Bildung hat mir ein weit gefächertes Allgemeinwissen und die Fähigkeit beschert, über meinen eigenen Tellerrand hinaussehen zu können. Sicherlich kann sie hierfür keine Garantie geben, doch hat ein großer Anteil derjenigen, die von dem Begriff Fachidioten nicht betroffen sind, eine solche humanistische Ausbildung genossen.

Zu meinem großen Erstaunen gewinnt sie wieder an “offizieller” Anerkennung, wie der Artikel des Palliativmediziners Gian Domenico Borasio zeigt, der einige der eklatanten Kommunikationsprobleme deutlich benennt. Er beschreibt seine Erfahrungen mit Medizinstudenten am Ende der theoretischen Ausbildung, ohne jedoch die offensichtliche Schlußfolgerung zu ziehen: bereits etablierte Mediziner haben  – insofern sie Defizite, die nach der theoretischen Ausbildung bleiben nicht anderweitig ausgeglichen haben – dieselben Mängel: es gibt Chefärzte, die zum Begriff der medizinischen Indiktaion als Voraussetzung jedweder ärztlichen Maßnahme ebenso wenig zu sagen vermögen wie die von Borasio genannten Studenten. Das fortbestehende System der Hierarchie verbietet (nahezu) das eigenständige Denken oder Handeln, so daß man teilweise auf die Subversiven unter uns angewiesen ist – oder den eigenen gesunden Menschenverstand.

Der im o.g. Artikel zitierte Brief einer Patientin mit einer guten Beobachtungsgabe und Wortwitz findet man hier.

Wie man Kurse an der jüdischen Volkshochschule von Teilnehmern befreien kann

nach einem meiner mittlerweile schon auch an meiner neuen Stelle berüchtigten Dienste habe ich mich aufgemacht, mich in den im neuen Onlineauftritt der jüdischen Volkshochschule Berlin ausgeschriebenen Hebräischkurs der Grundstufe C einzuschreiben. Gemäß Internetangabe soll dieser Kurs donnerstags stattfinden. Man muß sich persönlich im Gemeindezentrum anmelden. Eine Warnung, daß Anfängerkurse rasch ausgebucht seien habe ich gelesen und so verstanden, daß es sich tatsächlich um die Kurse für Anfänger handelt. Als ich heute 5 Minuten nach Öffnung der Anmeldung erschien, hieß es alle Kurse seien ausgebucht. Auf die Nachfrage, ob auch die Grundstufe C ausgebucht sei, erhielt ich die Antwort es gebe nur einen Kurs und der sei ausgebucht. Ich solle zum Unterricht morgen kommen, um zu sehen, ob vielleicht jemand nicht gekommen sei. Auf die Nachfrage und den Hinweis, der Kurs solle nach Internetangabe am Donnerstag stattfinden, erhielt ich wieder die Antwort, es gebe nur einen Kurs und der sei ausgebucht.

Da es im Internetauftritt  auch heißt, man habe ein offenes Ohr für konstruktive Vorschläge und Kommentare, werde ich mich in den nächsten Tagen einmal umhören und hier wieder berichten. Jedoch hege ich den Verdacht, daß dies der klassischen Organisationsstruktur der jüdischen Gemeinde Berlin zuzuschreiben ist und habe deshalb eine neue Blogkategorie dafür eingeführt.

Nachtrag:

Auf Nachfrage bei der Jüdischen Volkshochschule hat sich eine sehr freundliche Dame unmittelbar bei mir entschuldigt. Selbstverständlich sei die Information des Pförtners falsch gewesen. Das Internetangebot stimme, der Kurs sei selbstverständlich nicht ausgebucht, ich könne gerne daran teilnehmen.

Offen für konstruktive Kritik ist man also tatsächlich.

Aufgrund der aktuellen politischen Lage im Gazastreifen…

…wurden die geplanten Konzerte des West Eastern Divan Orchestra in Kairo und Qatar abgesagt. So jedenfalls ein Sprecher der Staatsoper bei einem Konzert mit Daniel Barenboim Anfang der Woche. Stattdessen findet nun ein Konzert des West Eastern Divan Orchestra in der Staatsoper Unter den Linden in Berlin am Montag den 12.01.09 statt. Karten gibt es noch zu kaufen!

Über volkstümliche Irrtümer in Bezug auf moderne Medizin (3)

Nach einem weiteren Weihnachtsdienst bin ich wieder um einige Erfahrungen reicher geworden; nicht nur, daß man unmittelbar nach Auftreten der ersten Symptome eines handelsüblichen grippalen Infektes (wie z.B.: Fieber, Kopf-und/oder Gliederschmerzen) eine Notaufnahme aufsucht (vorzugsweise am 24.12. in dem Irrglauben, das täte sonst ja keiner), nein es geht noch besser. Hier also mein Fazit:

Wegen folgender Symptome sollte man sich nicht in einer Notaufnahme einfinden:

  • Obstipation (Fehlen von Stuhlgang) seit 8 Tagen, ohne Bauchschmerzen (die Weihnachtsgans war ja noch reingegangen)
  • Umknicken mit dem Fuß ohne Schmerzen, Funktionseinschränkung oder sonstige Beschwerden (und weil man mit dem Fuß umgeknickt ist, muß man auch keinen Notarzt alarmieren – der hat besseres zu tun)
  • Gastroenteritis seit 3 h (oder länger) – insbesondere sollte man den KV-Notdienst dann aufsuchen, wenn man im Gaststättengewerbe arbeitet – dann braucht man eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung, welche die Notaufnahme nicht ausstellen darf )und ja, ich weiß, daß ich mich hier wiederhole – aber ist immer noch ein Dauer…brenner)

Aber es geht noch besser: es gibt Menschen, welche wegen Schmerzen und Sensibilitätsstörungen Notaufnahmen kleiner Krankenhäuser aufsuchen – das Ich-wohne-nicht-weit-weg-und -bin-mal-eben-vorbeigekommen-Syndrom. Wenn man solchen Menschen die Vorstellung in der nächst größeren Klinik empfiehlt (wegen möglicherweise drohender Querschnitttslähmung) rümpfen sie entsetzt die Nase und bemerken, das müßten sie ja noch überlegen, die Klinik sei Ihnen ja nun doch zu weit weg – da fragt sich dann der Diensttuende, welchen Zweck die Vorstellung hatte und welche Intensität die Beschwerden wirklich haben.

Und noch eine Bemerkung an Angehörige von Patienten – in dem Wissen, daß man Information über den Zustand der kranken Angehörigen bedarf und das Gesundheitssystem nicht dazu neigt, diese systematisch weiterzugeben. Es macht keinen Sinn, an einem Feiertag Arztgespräche mit Ärzten zu verlangen, die für die Notaufnahme und alle Stationen verantwortlich sind und die Patienten, die sie zuvor nicht selbst betreut haben, nicht kennen. Besonders unverschämt erscheint ein solches Verhalten dann, wenn der betreuende Doktor an jedem vorangegangenen Werktag mit (anderen) Angehörigen desselben Patienten gesprochen hat (und ja, man kann auch mit den zuvor informierten Angehörigen sprechen).
Auch dann, wenn wirklich kranke Angehörige von einem Krankenhaus in ein anderes verlegt werden, macht es keinen Sinn, in Krankenhaus B anzurufen und sich nach deren Zustand zu erkundigen, wenn sie dort noch nicht einmal eingetroffen sind!

Communication Problems

Im Krankenhaus gibt es sicher mehrere Kommunikationsschwierigkeiten. Eine davon ist mir in den letzten Monaten sehr deutlich geworden.

Der Arzt – mit viel Engagement und Energie – erklärt etwas, kann aber trotz der guten Absicht die Fachsprache nicht ganz beiseite lassen und setzt die Kenntnis von Zusammenhängen voraus, über die der Patient jedoch nicht verfügt. Der Patient versteht die Fachsprache nicht wirklich und damit auch nicht, was der Arzt von ihm möchte oder – schlimmer noch – wo die Gefahren seiner Krankheit liegen.Daß der Zeitdruck bei schlechter Besetzung diesem Problem keine Abhilfe schafft, kommt noch hinzu.

Sicher waren mir beide Tatsachen klar, als ich in den Beruf gestartet bin. Aber als ich vor ein paar Monaten mehreren Bekannten mit hohem Bildungsniveau für mich einfache und klare Zusammenhänge  – ohne den Gebrauch von medizinischem Vokabular – nicht begreiflich machen konnte und sie mir erklärten, ich müsse mich meinen Patienten noch einfacher ausdrücken, habe ich das versucht – mit Erfolg. Die Mehrheit meiner Patienten weiß jetzt, was ich erreichen möchte und was sie dafür tun müssen. Sie fühlen sich im wesentlichen gut betreut und ich habe verständige Kooperationspartner bei meiner Diagnostik.

Denkste!

Da bin ich nun gerade frisch in meiner Lieblingsstadt im Herzen von Preussen eingetroffen, wähne mich im Mekka des jüdischen Lebens (für deutsche Verhältnisse) und gehe heute auf das Straßenfest der jüdischen Gemeinde, angekündigt als Höhepunkt der jüdischen Kulturtage – um enttäuscht von dannen zu ziehen.

Man stand länger in der Schlange vor der Security als man brauchte, um die Stände einmal auf- und abzugehen. Es gab: einen türkischen Gemüsehändler, einen griechischen Verkaufsstand (immerhin mit Grüßen an Israel), den obligaten Falafelstand, einen Judaicastand (mit Schlüsselanhängern, wenigen CDs und einem Buch) und – wie sollte es anders sein – laut dröhnender Klezmermusik.Die Hüpfburg für Kinder mit Malstand und Spielstand war nicht zu übersehen, dafür aber an Unterhaltungswert leicht zu überbieten.

I had a dream…and it came true

Es ist amtlich: ich ziehe wieder um, dieses Mal in meine Lieblingsstadt! In die große Stadt in Preußen, in der alles möglich erscheint!

Der Ärztemangel ist so groß, daß man heute mit Berufserfahrung die Auswahl an Stellen hat. Bewerbungsgespräche sind interessante Erfahrungen – man gewinnt einen Einblick in andere Strukturen und erlebt Neues. Neu für mich war die Höflichkeit und Nettigkeit, die ich erfahren durfte. Entschieden haben ich mich für ein Vorstadtkrankenhaus. Nachdem ich nun mehr als ein Haus gesehen habe, bin ich zum Fan der Vorstadtkrankenhäuser geworden. Positiv war auch das Dienstmodell und die Einhaltung des Arbeitszeitgesetzes.

Lange Auszeit

Ich habe lange nichts mehr hier geschrieben, weil ich mich sehr viel um meine Mutter gekümmert habe, deren Fassade ihrer Demenz jetzt gekippt ist. Da dieses Thema einen Extra-Blog verdient, habe ich einen begonnen: Abschied in Raten.