Über den Facharztstandard und die Realität

17 04 2008

Wie schon Assistenzarzt berichtete, gibt es in Deutschland einen Facharztstandard. Hatte ich bei meiner letzten Stelle gedacht, das Maulen des Facharztes sei eine Zumutung, so hab ich mittlerweile noch besseres erlebt.

Patienten auf der Intensivstation werden ohne

  • den Patienten, seine Kurve, seine Laborwerte in Augenschein genommen zu haben
  • im Imperativ
  • ohne viel Möglichkeiten des Widerspruchs (”Wer ist hier der Facharzt?”)

beurteilt und hiernach (!) ihre Therapie festgelegt.

Möchte man zur normalen Tageszeit (8-16 Uhr) Rücksprache mit dem für z.B. die Intensivstation zuständigen Fachrzt Rücksprache nehmen, kann es auch passieren, daß man barsch abgewiesen wird - mitunter von einer Sekretärin.




Leitlinien…und wie man kreativ damit umgehen kann

10 03 2008

DocClever:”Man muß doch nicht bei jedem Rektumcarcinom eine Rektoskopie machen!”

DocSmart:”Doch, so steht´s in den Leitlinien!”

DocSuperClever:”Dann nehmen Sie halt ihren Finger - der ist ja auch starr”!




Über das Konsil-Unwesen

15 02 2008

wenn ich  in den üblichen Stationsturbulenzen  nahezu versinke und etwas aufbauendes suche, werfe ich einen Blick in die anstehenden internistischen Konsile, die bei uns leider assistenzärztliche Aufgabe sind, die ich aber nicht erledigen muß, wenn ich auf einer großen Station bin.  Noch immer habe ich mich anschließend über die Stationsarbeit gefreut. Hier einige Beispiele aus der Kuriositätenkiste (alles “Fragestellungen”):

  • Geschmacksverlust nach Darmgrippedenjenigen, der ein solches Konsil eingibt, suche ich immer noch
  • Komisches EKG - wie war das noch mit dem Medizinstudium und den Examina?
  • Luftnot, bitte schnell kommen  - auf Rückfrage, wie schnell gab es die Antwort, das könne man nicht so genau sagen, man habe den Patienten ja schließlich nicht gesehen

Besonders beliebt ist die Variante, wenn man einen von uns gerade gesprochen und sein Konsil gelesen hat, gleich den nächsten anzurufen mit derselben Fragestellung. Rekord waren hier 3 Konsile bei ein und demselben Patienten in weniger als 24 h…..




Schwester Tod

13 01 2008

lautet der Titel einer Dokumentation, die in der vergangenen Woche mehrfach auf Phoenix (in langer Version) zu sehen war.

Eine Krankenschwester hat (mindestens bzw. zwifelsfrei nachgewiesen) 5 Patienten getötet, sie hat es “Sterbehilfe ” genannt. Tatsächlich hat sie Menschen getötet, deren Leben sie für unerträglich hielt. Auch Gewalt gegen Patienten hat sie angewendet und hält das wohl weiterhin für normal. Patienten, insbesondere demente Patienten, entwickeln häufig ein sog. “Durchgangssyndrom” und sind dann - nicht zuletzt, weil sie nicht begreifen, wo sie sich befinden und mit wem sie gerade zu tun haben - aggressiv und ziehen sich diverse “Schläuche”. Man kann dann zunächst für 24 h ohne gerichtliche Anordnung, danach mit, ein oder mehrere Extremitäten (Hände, Füße, Bauchgurt) fixieren. Man kann auch ein niedrig dosiertes Beruhigungsmittel geben (wobei diese Medikamente das Durchgangssyndrom auch provozieren können). Aber unter keinen Umständen darf man Patienten schlagen! Sicher ist das ärgerlich, wenn man einem alten Menschen, dem man mit viel Mühe gerade einen ZVK oder eine arterielle Kanüle gelegt hat, dieselbe nach kurzer Zeit wieder verschwunden ist oder man einem unkooperativen Patienten solche Kanülen legen muß - aber das ist schon Teil des ärztlichen Berufsbildes. Ohne jeden Zweifel kostet es Selbstbeherrschung, aber man ist als Pfleger oder Arzt immer in der besseren Position. Je größer die Arbeitsbelastung, desto schwieriger die Selbstbeherrschung - wenn ich nachts übermüdet bin , und ein Jungspund mit Gastroenteritis “leidend” in meiner Notaufnahme auftaucht, erhält er schon mal eine flapsige Antwort.

Ich gehöre auch nicht zu denjenigen, die ohne nachzudenken jeden Patienten reanimieren. Die Entscheidung, welchen Patienten man wiederbelebt und welchen nicht, ist keine leichte. Sie zu treffen, war am Anfang meines Berufslebens mit eines der schwersten. Nach wie vor bespreche ich sie - wenn irgend möglich - mit dem Patienten und seiner Familie, erkläre, was sinnvoll oder erfolgversprechend ist, oder auch nicht. Und ich richte mich nach der von der Familie bzw. dem gesetzlich bestimmten Betreuer - auch dann, wenn sie nicht der meinen entspricht. Man darf nicht vergessen, daß die Entscheidung, ob und wie man weiterleben oder sterben möchte, die Hoheit des Patienten selbst ist. Z.B. ein krebskranker Patient kann seine ganz eigenen Motive haben, nach denen er entscheidet: vielleicht wartet einer auf seinen 65. Geburtstag, damit seine Frau 60% der vollen Rente statt der Frührente erhält, ein anderer hat noch etwas, das er erledigen muß.

Man steht an der Grenze des Ethisch Vertretbaren mit der o.g. Entscheidungsfrage, welchen Patienten man wiederbelebt oder nicht. Man muß diese schmale Grenze wahren.

Schwester Tod hat meines Erachtens Patienten nach persönlichem Gutdünken ermordet.

Aufgrund der besonderen Verantwortung , die sie hätte tragen sollen, hätte meines Erachtens noch die Feststellung einer besonderen Schwere der Schuld gehört. Lebenslänglich lautet das gefällte Urteil. Sowohl Staatsanwaltschaft wie auch Verteidigung sind in Revision gegangen.

Zum Weiterlesen:

Irene B. hätte jederzeit wieder getötet

Schwester Irene B. zu Höchststrafe verurteilt




Über volkstümliche Irrtümer in Bezug auf moderne Medizin (2)

1 01 2008

Krankenhäuser sind keine Orte,

  • an die man geistig klare alte Verwandte bringen sollte, deren letzter Wunsch es ist, Zuhause zu sterben
  • an denen sich selbst limitierende Erkrankungen wie die meisten Formen der Gastroenteritis alias “Darmgrippe” geheilt werden können (die limitieren sich selbst): wegen Durchfall und 2fachem Erbrechen (an dem schon der größte Teil der Familie vor einem gelitten hat) dort nachts (von 23 bis 8 Uhr) aufzutauchen ist eher peinlich
Abteilungen für Innere Medizin
  • haben für nominell erwachsene Patienten (18 Jahre und älter) keine Möglichkeiten eines Rooming-In: Jungs, Mutti muß wie andere Besucher auch spätestens um 22 Uhr gehen!
  • sind keine Horte von Under-Cover Psychiatern: nach Ausschluß organischer Erkrankungen wird man aus Ihnen entlassen
  • können primär kein Globusgefühl im Bereich des Rachens abklären, nicht morgens um 11 uhr, nicht nachts um 23 Uhr: das machen HNO-Abteilungen (je später der Abend, desto geringer die Begeisterung übers Auftauchen)
  • können kein Nasenbluten stillen: auch das fällt in den HNO-Bereich



    Über volkstümliche Irrtümer in Bezug auf Assistenzärzte (1)

    4 11 2007

    Da ich mir gerade über meine eigene Vorstellung meines Berufs und der von Angehörigen meiner Patienten und der Patienten selbst Gedanken mache, hier der Versuch dessen, was ich nicht sein möchte, wofür ich aber in einigen Fällen gehalten werde:

    Assistenzärzte sind nicht

    • Menschen, an denen man seine schlechte Laune und seinen Frust hemmungslos auslassen kann
    • Marionetten, die auf Wunsch alles stehen, liegen, fallen lassen können, um mit Angehörigen zu sprechen - unsere vorrangige Aufgabe ist Behandlung von Patienten
    • überbezahlte Faulenzer, sondern Menschen, denen ihre Patienten im Idealfall am Herz liegen und die für ihre Patienten die idealen Vorraussetzungen zu Diagnostik und Therapie schaffen wollen
    • Menschen, die Diagnostik und Therapie festlegen können und die Verantwortung für Patientenentscheidungen übernehmen - im Zeitalter des informierten Patienten muß dieser die Verantwortung nach adäquater Aufklärung selbst tragen - wir beraten.

    Damit wir uns nicht falsch verstehen - speziell mit mir dürfen meine Patienten gerne kontrovers diskutieren, aber auf Dauer Abputzer für anderer Leute schlechte Laune möchte ich nicht sein.




    Jetzt reicht´s!

    31 10 2007

    Mit besonderer Freude habe ich heute meine Registrierung in der britischen Ärztekammer erneuert, denn die Arbeitsbedingungen und Erwartungshaltungen an die Abputzer des Gesundheitssystems haben ein Ausmaß erreicht, das die Auswanderung ins europäische Ausland verlangt. Aufgrund meiner Englischkenntnisse und bereits seit der Approbation bestehenden Mitgliedschaft in der britischen Ärztekammer wird das in meinem Fall Großbritannien sein. Es lebe die europäische Freizügigkeit! Ich werde so schnell wie möglich meinen Facharzt machen, um dann zu verschwinden.

    Das Ausmaß der Unverschämtheiten im Notdienst nimmt nicht ab, sondern zu. Natürlich ist der Notdienst wie auch der Klinikdienst in Relation zur geleisteten Arbeit schlecht bezahlt. Die Erwartungshaltung der Patienten ist ungeheuerlich. Für einen Harnwegsinfekt, der seit 3 Tagen besteht, wird nachts (um 3 Uhr morgens präziser gesagt) ein Arzt angerufen.

    Die Patienten werden in wenigen Jahren sehen, wie sie versorgt sind: von ausländischen Ärzten, die man ausnutzen wird und deren Sprachkenntnisse oft direkt proportional zu ihren Fachkenntnissen sind. Deren Anzahl wird im Gegensatz zur Zahl derjeniger ausländischen Ärzten mit gutem medizinischem Niveau, von denen ich nicht wenige kenne und von denen ich viel gelernt habe, zunehmen. Auf einer der Stationen meiner neuen Stelle wurde ich freudig mit den Worten “Ah, mal jemand, der der deutschen Sprache mächtig ist!” begrüßt - und das in einem mittelgroßen Krankenhaus.

    Man weiß auf oberer Ebene durchaus, daß die Arbeitsbedingungen selbst den größten und zähesten Idealisten vergraulen können:

    “Mehr als jede zweite Klinik in Ostdeutschland könne offene Arztstellen nicht besetzen, im Westen seien es 24 Prozent. Hoppe: «Zu wenige sind bereit, sich dauerhaft in die Patientenversorgung zu begeben.» Der Arztberuf mache einfach «keinen Spaß» mehr.

    Die Ärztefunktionäre machten vergleichsweise schlechte Arbeitsbedingungen, schlechte Bezahlung und hohe Belastungen für die Missstände verantwortlich. Hoppe sprach von unbezahlten Überstunden im Wert von 1,2 Milliarden Euro. Köhler sagte: «Deutsche Ärzte arbeiten in der Woche im Durchschnitt 50,6 Stunden» - zehn Stunden mehr als andere EU-Spitzenreiter. Dazu komme, dass «die Hierarchien im Krankenhaus stärker ausgebildet sind als im Militär».”

    Und nicht nur das - bei den oben genannten Arbeitsbedingungen fresse ich auch noch die Launen von unverschämten Angehörigen! Leute, was glaubt Ihr eigentlich, mit wem ihr es zu tun habt? Mit mir macht ihr das nicht mehr lange!

    Alles, was ich wollte, war ein einigermaßen höflicher Umgangston. Aber das war scheinbar zu viel verlangt.

    Wenn mein Zorn wieder abgekühlt ist, werde ich berichten, was mich derart auf die Palme getrieben hat.

    Weiterführende Links:




    Eine Chefvisite der anderen Art

    28 10 2007

    DocChefSmart: “Wie geht es Ihnen den heute?”

    Patient O.Berclever : “Gar nicht gut, ich habe solche Schmerzen im Knie!”

    DocSmart:”Aber bei der Visite vor 20 Minuten ging es Ihnen doch gut - Jedenfalls haben Sie das auf Nachfrage gesagt..”

    DocChefSmart:“Ja ja, das machen die Patienten so, immer wenn der Chef kommt, müssen sie für den eine neue Beschwerde haben - aber keine Sorge, ich war ja auch mal Assistenzarzt, ich weiß das schon!”

    Patient O.Berclever: “Na ja, so schlimm sind die Schmerzen auch nicht, nur ein bißchen..”




    Paradoxa

    25 10 2007

    Nachdem ich begonnen habe, die Erwartungshaltungen mancher Menschen mit einer Prise Sarkasmus deutlich zu machen, kann ich heute vom anderen Ende der Unmöglichkeiten (im Wortsinn)/dem Unvermögen der modernen Medizin berichten.

    Diesen Tag sollte ich rot im Kalender anstreichen:

    Ich habe einen Patienten entlassen, der über Wochen täglich mehrere Dinge auszusetzen und/oder neu zu beklagen fand. Es hat mich eiserne Disziplin gekostet, die oft wechselnden Beschwerden zu hören und gegen den modernen Trend der schnellen Entlassungen und Kürzungen bei Aufenthalten abzuklären.

    Er ging mit einem strahlenden Lächeln. Ich konnte nicht viel für ihn tun, im Gegenteil, ich mußte ihm sagen, dass er wahrscheinlich eine bösartige Erkrankung hat, ich aber in verantwortlicher Weise keine weitere Diagnostik betreiben kann, da schon die ihn gefährden würde. Auch seine (nahezu unzähligen aber realen) Zipperlein kann ich nicht heilen. Er hat sich bedankt, für all das, was ich für ihn getan habe - viel war es nicht. Durch eine Vielzahl an Untersuchungen habe ich ihn geschickt, zwischenzeitlich Talfahrten mit ihm erlebt. Vielleicht war es die Ehrlichkeit, mit der ich ihn und seine Familie über all die fehlenden therapeutischen Möglichkeiten aufgeklärt habe.




    Von höflichen und unhöflichen Menschen

    14 10 2007

    …wissen Ärzte ein Lied zu singen, die hausärztliche Notdienste tun. Gedacht ist dieser für Notfälle, die nicht bis zum nächsten Tag bzw. den nächsten Öffnungszeiten der Praxen warten können. Was man so zu hören bekommt, wenn man einen solchen Notdienst macht, ist schon erstaunlich. Hier ein paar Beispiele:

    “Fr. Dr., mir geht es soo schlecht, ich habe eine schwere Erkältung!” 

     - “Kommen Sie bitte um 15 Uhr in die Praxis, vorher bin ich auf Hausbesuch”

    “Was?! So lange kann ich nicht warten!”

     - “Wie lange haben Sie denn die Erkältung schon?”

    “Drei Tage!”

     - Warum sind Sie nicht zu Ihrem Hausarzt?

    “Sie wollen ja bloß nicht zu mir kommen!” 

    Ich gehe mit solchen Erkältungen noch arbeiten. Das habe ich in dem Fall nicht gesagt. Und es war nur eine von unzähligen Unverschämtheiten. Lange mache ich solche Dienste nicht mehr. Wenigstens einen freundlichen Ton könnten sich solche Herrschaften angewöhnen.

    Man wird sich in Deutschland noch wundern, wenn der Notdienst und auch die Krankenhäuser in den Händen im Ausland schlecht ausgebildeter Ärzte ist, die der deutschen Sprache nicht mächtig sind - was vielerorts ja schon der Fall ist.

    Ah, und die Patienten mit den schwersten Erkrankungen waren in diesem Dienst die höflichsten. Da stehe ich dann gerne auf.