Entrüstet

…war die Stationssekretärin, als ich Befunde aus den 50er Jahren angefordert habe („Die Blöße, da anzurufen, gebe ich mir nicht“). Dabei sind sie relevant, diese alten Befunde. Oft sind sie auch der Schlüssel zu den aktuellen Problemen der Patienten.

Es ist in letzter Zeit mehr als einmal vorgekommen, dass erst lange zurückliegende Erkrankungen die Lösung aktueller Probleme ermöglicht haben.

Aber unsere treue Stationsseele ist nicht die einzige, die mich für ein bisschen gaga hält: vor gar nicht allzu langer Zeit habe ich das Ergebnis intensivem Aktenstudiums eines Patienten dem zuständigen Oberarzt präsentiert mit den Worten „Intraoperativ wurde vor einigen Jahren ein Karzinom gesehen und histologisch nachgewiesen.“ Antwort: „Das kann nicht sein. Dann würde der Patient jetzt schon nicht mehr leben.“ Da ich der Überzeugung war, das sei korrekt, habe ich das so in meinen Entlassbrief geschrieben (und da der Oberarzt Diskussionen mit mir vermeidet, hat er es belassen). Der Patient wurde einige Zeit danach wieder operiert, Ergebnis: das Karzinom war wieder da. Antwort desselben Oberarztes jetzt: „Ja, natürlich, das war das alte Karzinom“.

Wenn man älter ist und wie die meisten Menschen mehr als eine Krankheit angesammelt hat, verliert man den Zeitbegriff und ein bisschen auch den Sinn Zurückliegendes (der o.g. Patient hatte sich nicht erinnern können, was genau operiert oder diagnostiziert worden war).

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