Das Angelsachsenfaß (1)

Wolf, dessen Kommentare mich immer zu Antworten reizen, und ich haben in einer unserer Bemerkungsaustausche ein Thema gestreift, das er „Angelsachsenfaß“ nannte und das ich hiermit öffnen möchte.

Was mich an der oft sichtbar werdenden Haltung der Menschen gegenüber dem Gesundheitssystem stört, ist eine bestimmte Art der Erwartungshaltung mit einer ihr eigenen Form der Selbstverständlichkeit.

Man gewinnt bei vielen Menschen den Eindruck, sie hätten folgende Erwartungen an das Gesundheitssystem

  • alle Leistungen müssen kostenlos sein
  • alle Leistungen müssen unmittelbar zur gewünschten Zeit erbracht werden (Beispiel: Rückenschmerzen seit einer Woche, Samstag früh um 03.00 Uhr Anruf bei hausärztl. Notdienst mit der Aufforderung zum umgehenden Hausbesuch zum Zwecke der i.m. Gabe eines starken Schmerzmittels)
  • im Gesundheitswesen Beschäftigte sind wie Lakaien zu behandeln, da „ja immer die Beiträge bezahlt wurden“
  • Krankenhäuser haben den Service von Luxushotels zu erbringen

Ich bin sicher kein Fan der angelsächsischen Medizinethik nach dem Motto „Das Medikament gegen Brustkrebs ist effektiv, aber wenn wir es allen Brustkrebspatienten geben, kostet es zuviel Geld, daher bekommt es keiner“, aber wenn – vor allem gewisse Standesorganisationen und Chefärzte – nicht bald umdenken,werden wir genau bei dieser Praxis anlangen, weil das Geld fehlt.

Zum einen sollte man in einem Krankenhaus nicht die Politik betreiben, jeden Patienten aufzunehmen, wie fachfremd seine Erkrankung oder gar Gesundheit der jeweiligen Disziplin sein mag.

Zum anderen kann es nicht sein, daß Menschen mit „psychovegetativer Entgleisung“ oder Hypochondrie auf Kosten der Krankenkassen und damit auch der anderen Beitragszahler in internistischen Abteilungen landen, und das nicht nur einmal, sondern oft mehrfach, auch nach ausgiebiger, um nicht zu sagen übertriebener Abklärung (Herzrasen, Panik). Wiederaufnahme nach Abklärung sollte nur auf eigene Rechnung erfolgen. Verlassen des Krankenhauses auf eigene Verantwortung vor Abklärung sollte die Übernahme der Transportkosten sowie des Tagessatzes nach sich ziehen.

Nicht alle alten Menschen profitieren von modernen Untersuchungstechniken: alte, niereninsuffiziente und oft auch demente Patienten tragen z.B. bei einer Coronarangiographie („Herzkatheter“) sehr viel höhere Risiken als jüngere Menschen. Nicht wenige müssen anschließend dialysiert werden, ein Leistenhämatom an der Punktionsstelle operativ ausgeräumt bekommen und werden am Ende dieser vielfachen Prozeduren bettlägerig mit einer Lebensqualität, die ich persönlich niemandem wünsche.

In Großbritannien existiert ein exzellentes ambulantes Netzwerk von „GP´s“ – general practitioners, Allgemeinmediziner – , die nahezu alle ambulant abzuklärenden Symptome ebenda abklären. Die Aufnahme in Krankenhäuser wird restriktiv gehandhabt. Gegenüber medizinischem Personal (und umgekehrt ebenso) herrscht ein höflicher Umgangston. Wenn man einen Termin in einer der Ambulanzen bekommen hat (auf den man Wochen wartet), nimmt man ihn war und ist dankbar. Krankenhäuser erwecken nicht den Eindruck von Luxusherbergen und ihr Personal wird nicht entsprechend behandelt.

Bei uns hingegen nimmt die Zahl der Einweisungen für sicher ambulant abzuklärende Symptome rasant zu – sicher nicht zuletzt daher, daß niedergelassene Ärzte für Diagnostik nicht selten von den Krankenkassen bestraft werden.

…Fortsetzung folgt  – mit besonderem Hinblick auf Kunstfehler und das Verhalten dabei – wie immer subjektiv betrachtet.

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