Das Angelsachsenfaß (1)

Wolf, dessen Kommentare mich immer zu Antworten reizen, und ich haben in einer unserer Bemerkungsaustausche ein Thema gestreift, das er „Angelsachsenfaß“ nannte und das ich hiermit öffnen möchte.

Was mich an der oft sichtbar werdenden Haltung der Menschen gegenüber dem Gesundheitssystem stört, ist eine bestimmte Art der Erwartungshaltung mit einer ihr eigenen Form der Selbstverständlichkeit.

Man gewinnt bei vielen Menschen den Eindruck, sie hätten folgende Erwartungen an das Gesundheitssystem

  • alle Leistungen müssen kostenlos sein
  • alle Leistungen müssen unmittelbar zur gewünschten Zeit erbracht werden (Beispiel: Rückenschmerzen seit einer Woche, Samstag früh um 03.00 Uhr Anruf bei hausärztl. Notdienst mit der Aufforderung zum umgehenden Hausbesuch zum Zwecke der i.m. Gabe eines starken Schmerzmittels)
  • im Gesundheitswesen Beschäftigte sind wie Lakaien zu behandeln, da „ja immer die Beiträge bezahlt wurden“
  • Krankenhäuser haben den Service von Luxushotels zu erbringen

Ich bin sicher kein Fan der angelsächsischen Medizinethik nach dem Motto „Das Medikament gegen Brustkrebs ist effektiv, aber wenn wir es allen Brustkrebspatienten geben, kostet es zuviel Geld, daher bekommt es keiner“, aber wenn – vor allem gewisse Standesorganisationen und Chefärzte – nicht bald umdenken,werden wir genau bei dieser Praxis anlangen, weil das Geld fehlt.

Zum einen sollte man in einem Krankenhaus nicht die Politik betreiben, jeden Patienten aufzunehmen, wie fachfremd seine Erkrankung oder gar Gesundheit der jeweiligen Disziplin sein mag.

Zum anderen kann es nicht sein, daß Menschen mit „psychovegetativer Entgleisung“ oder Hypochondrie auf Kosten der Krankenkassen und damit auch der anderen Beitragszahler in internistischen Abteilungen landen, und das nicht nur einmal, sondern oft mehrfach, auch nach ausgiebiger, um nicht zu sagen übertriebener Abklärung (Herzrasen, Panik). Wiederaufnahme nach Abklärung sollte nur auf eigene Rechnung erfolgen. Verlassen des Krankenhauses auf eigene Verantwortung vor Abklärung sollte die Übernahme der Transportkosten sowie des Tagessatzes nach sich ziehen.

Nicht alle alten Menschen profitieren von modernen Untersuchungstechniken: alte, niereninsuffiziente und oft auch demente Patienten tragen z.B. bei einer Coronarangiographie („Herzkatheter“) sehr viel höhere Risiken als jüngere Menschen. Nicht wenige müssen anschließend dialysiert werden, ein Leistenhämatom an der Punktionsstelle operativ ausgeräumt bekommen und werden am Ende dieser vielfachen Prozeduren bettlägerig mit einer Lebensqualität, die ich persönlich niemandem wünsche.

In Großbritannien existiert ein exzellentes ambulantes Netzwerk von „GP´s“ – general practitioners, Allgemeinmediziner – , die nahezu alle ambulant abzuklärenden Symptome ebenda abklären. Die Aufnahme in Krankenhäuser wird restriktiv gehandhabt. Gegenüber medizinischem Personal (und umgekehrt ebenso) herrscht ein höflicher Umgangston. Wenn man einen Termin in einer der Ambulanzen bekommen hat (auf den man Wochen wartet), nimmt man ihn war und ist dankbar. Krankenhäuser erwecken nicht den Eindruck von Luxusherbergen und ihr Personal wird nicht entsprechend behandelt.

Bei uns hingegen nimmt die Zahl der Einweisungen für sicher ambulant abzuklärende Symptome rasant zu – sicher nicht zuletzt daher, daß niedergelassene Ärzte für Diagnostik nicht selten von den Krankenkassen bestraft werden.

…Fortsetzung folgt  – mit besonderem Hinblick auf Kunstfehler und das Verhalten dabei – wie immer subjektiv betrachtet.

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18 Antworten

  1. Man darf den Menschen keinen Vorwurf machen. So wächst man auf in good old Europe. Die Vorstellung, daß jeder Mensch qua Existenz ein Recht auf medizinische Versorgung hat, wird jedem von klein auf eingeeimpft. Wenn die Kassen dann knapp werden, kommt man auf ganz verrückte Ideen wie die Einteilung von Leistungen nach „selbstverschuldet/kosmetisch/hat es nicht verdient“ und „notwendig/hat es verdient“. Sodaß jeder, der sich privat etwas gönnt, sich dafür schämen muß. Auf die Idee, daß das Versicherungs- und Gesundheitswesen einfach ein freier Markt ist, kommt niemand, denn das darf nicht angedacht werden. Wo kämen wir denn da hin, wir sind ja nicht in den USA!

  2. B“H

    Nur mal so aus Neugierde nachgefragt: Kennst Du eigentlich das israel. Gesundheitswesen ? In Deutschland kann man noch sehr froh sein, solch ein soziales Gesundheitssystem zu haben. Auch wenn viele Deutsche denken, es ginge bergab und staendig steigen sie Kosten. Gegenueber Israelis sind die Deutschen aber noch bestens versorgt.

    Miriam

  3. Hallo Miriam,

    ja ich kenne das isr. Gesundheitssystem ein wenig, da ich 2/3 meines letzten Studienjahres an isr. Lehrkrankenhäusern verbracht habe. Das gibt natürlich keinen Einblick in z.B. den politischen Aspekt. Inwiefern ist es noch schlimmer als bei uns?

  4. Schmetterlingsfrau,

    ich bestreite ja nicht, daß jeder ein Recht auf med. Versorgung hat, nur gilt das für med. sinnvolle Maßnahmen – bei einer Abklärung z.B. einer Palpitation (oft bei Panikattacken, manchmal bei Herzrhythmusstörungen) ist aber eine Vielfachabklärung unsinnig.
    Meine Logik lautet: Abklärung erfolgt, erneute Aufnahme nicht sinnvoll.
    Selbstverschuldet/kosmetisch/“nicht verdient“ ist dafür nicht relevant.
    Was Privatpatienten mit sich machen lassen, ist vom nichtpriv. Sektor nicht berührt.

  5. So springe ich denn auch mal ins Fass:

    Vorab: das deutsche Gesundheitssystem ist in meinen Augen das beste System der Welt. Ich habe mir eine ganze Reihe anderer Länder in dieser Hinsicht angesehen und kann den Betroffenen dort nur mein Beileid ausdrücken. Sollen sie ihre politisch verantwortlichen Seilschaften doch zur Hölle jagen. Aber das müssen sie selbst tun, denn ich stehe zur Überlegenheit der Selbsthilfe.

    »Kostenlos« erwartet hier niemand, hat doch fast jeder einen ganz erklecklichen Teil seines Einkommens in eine der Versicherungen eingezahlt. Die Arbeitgeber haben noch so einen Posten drauf gelegt und so kam etwas zwischen 12 und 16 Prozent dabei raus. Wenn man nun mal überschlägt: 40 Jahre durchschnittlich 1500 Euro verdient bedeuten über 100.000 Euro Beitrag. Ich mag es nicht so gerne hören, wenn die „Ehrenwerten Gesellschaften“ (sowas sind für mich die Arztvereinigungen, KVen etc. seit sie beraten wie man gewählte Volksvertreter und Konsorten kaltstellen könne) äußern, dass das nichts sei, zumindest aber so wenig, dass man unterstellen dürfe, Patienten erwarteten alles für nichts.

    Ich weiß, dass eine Menge Leute mehr verdienen und eine Menge Leute weniger verdienen. Deshalb habe ich so einen »empfundenen Mittelwert« gewählt. Ich bin nicht bei denen, die bei jeder halbprozentigen Beitragserhöhung gleich tönen, dass »die Grenze der Belastbarkeit erreicht« sei, ich halte das für eine miese Stammtischparole. Denn wenn nicht meine Gesundheit, was sonst soll mir denn bei 2000 Euro Einkommen monatlich einen Mehrbeitrag von 5 Euro wert sein? Und wer 10000 Euro bekommt soll gefälligst auch über einen Mehrbeitrag von 25 Euro die Klappe halten.

    Soviel nur zum ersten Deiner Punkte. Und ja, ich weiß, dass man bei 10000 Euro meist privat versichert ist und nix mehr bezahlt. Aber dennoch: die jammern gefühlt am lautesten und lamentieren immer von Staatsmedizin mit ihrer parlamentarischen Standesvertretung. Staatsmedizin haben wir in England, und da wollen ja die sich liberal nennenden Politniks so gerne hin.

    Zu 3): Das mag »gefühlt« so sein. Mein letzter Operateur, altgedienter Chefarzt mit Professorentitel, meinte im Gespräch, dass die Patienten zu seiner Zeit ja mehr Achtung vor dem Arzt gehabt hätten. Er schien mir sehr bekümmert darüber. Meine Erwiderung, dass doch ein jeder Patient sein Leben in seine Hand lege, ihm also einen Vertrauensvorschuss entgegen bringe, der von einem Blankoscheck nicht übertroffen werden könne, schien ihn aber doch zu beeindrucken. So habe er es noch nicht gesehen, meinte er. Ich habe übrigens selten einen so feinen Herrn getroffen. Die Stationsärztin hat bei der ersten Visite einen Anruf erhalten. Also mit der rechten Hand weiter auf meinem Bauch rumgefummelt, in der linken Hand das Mobiltelefon. Ich hätte am liebsten gefragt, ob ich so lange rausgehen solle. Ich habe mich nicht beschwert, es ging mir einfach zu schlecht dafür. Aber als ich eine Woche später den Chef der Dt. Chirurgischen Gesellschaft traf war es mir doch einen Bericht wert. Und ich würde es nicht bedauern, wenn die Dame sich einen anderen Beruf aussuchte mangels Einkommen, solche Leute bekommen allemal mehr als sie verdienen.

    Aber auch so jemand macht mir mein naives Arztbild nicht kaputt: die meisten Ärzte (Ausnahme sind die gewählten der Ehrenwerten Gesellschaften!) sind mit hoher Motivation in den Beruf gegangen, sie wenden im Bedarfsfall all ihr Wissen dazu an, dass ich mit möglichst hoher Lebensqualität davon komme. Und sie sind über jeden Fehler betrübt, auch wenn sie ihn wegen Versicherungen und Juristen meist nicht zugeben dürfen. Ausnahmen bestätigen die Regel.

    Zu 4): Ja! JA! JAAAAH! Bei den Preisen haben Krankenhäuser gefälligst einen 5-Stern-Service zu erbringen. Denn die persönlichen Dienstleister (Ärzte und Schwestern) bekommen nur einen ungerecht kleinen Anteil vom Kuchen. Den Batzen stecken sich Chefärzte und Maschinenfabrikanten ein. Wir können gerne über eine andere Verteilung streiten, da stehe ich bei den Arbeitenden. Aber eins ist auch klar: wir brauchen allenfalls 75% der vorhandenen Häuser. Vielleicht noch weniger. Denn in keinem Land der Welt wird soviel operiert und Zeit im Krankenhaus verbracht wie in Deutschland. Und die anderen Weltbürger sterben ja nicht alle früher oder leben schlechter.

    Gut, jetzt auch noch zu 2): also ich habe vor etwas über einem Jahr auch mit Gallenkoliken (von denen ich, sorry für Versagen bei Selbstdiagnose, nichts wusste) bis um 4.00 Uhr gewartet, dann die Notärztin gerufen und mich von der abspritzen zu lassen. Sie hat dann auch noch den Transport veranlasst. Die aufnehmende Ärztin hat sich dann gerächt mit minutenlangem Rumgestochere in meinem Handrücken. Und ja, ich weiß auch von dem Alkoholiker, dessen Frau immer nach Eintritt seiner Bewusstlosigkeit den Rettungswagen rief wegen Abholung. Ja, viele Menschen laden allzuviel auf dem Rücken der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Gesundheitsbereich ab.

    Aber dafür lieben wir Euch doch alle auch!

  6. Das Prinzip der Versicherung beruht auch auf dem Prinzip der Solidarität: alle zahlen ein, diejenigen, die die entsprechenden Leistungen brauchen, erhalten sie. Wenn alle nach dem Motto „Ich will dies und jenes und habe es zu erhalten“ aus dem gemeinsamen Topf schöpfen, dann geht es nicht mehr für alle kostenlos. Medizin macht immer mehr Dinge möglich, wird aber dabei auch immer teurer, so daß geleistete Beiträge nicht mehr für alle Leistungen an alle ausreichen.

    Ich möchte mich nicht mit MDK Vertretern über die Notwendigkeit von selbstverständlicher Diagnostik streiten müssen, aber mit der o.g. Erwartungshaltung wird das der Dauerzustand sein.

    Der 5-Sterne Service wird nur leider von denjenigen erwartet, die sicher kein 5-Sterne Gehalt bekommen, obwohl sie für eines arbeiten. Vom Pflegepersonal Lakaiendienste zu erwarten („Schwester, räumen Sie mir mal den Nachttisch auf!“ – alles schon gehört), finde ich da unangebracht. Nur auch da gilt: es gibt 1 Vollkraft und einen Schüler in einer Mittagsschicht: je mehr Lakaiendienste, desto weniger Pflege. Wenn jemand Hilfe tatsächlich braucht – keine Frage – muß er sie bekommen.
    Daß wir höchstens 75% der Häuser brauchen stimmt sicher, auch daß hierzulande die Verweildauer zu lange ist, s.o..

    Wenn man Notdienste/-ärzte ruft bei Erkrankungen, die das erfordern, ist das ja nur recht und billig – aber für simple Rückenschmerzen einen Hausbesuch nachts um 3 Uhr zu erwarten ist überzogen.

    Wenn ich nach Ableistung von mehreren – natürlich unbezahlten – Überstunden auf dem Weg nachhause vom 5. Angehörigen desselben Patienten abgefangen werde, der das 30-min. Informationsgespräch erwartet, das schon 4 seiner Verwandten zuvor erhalten haben, dann knirsche ich zwar nur noch unhörbar mit den Zähnen, aber ich versuche, es zu leisten.

    Die Tatsache, daß Ärzte für Menschenleben Verantwortung tragen, spiegelt sich leider auch nicht im Gehalt oder den Arbeitszeiten wieder:
    im 24h Dienst interessiert es weder die Notärzte noch die Rettungssanitäter, wieviele Patienten sie mir bringen oder ob ich mich bei einer Frequenz von einem Patienten alle 20 min noch angemessen um die bereits vorhandenen oder neu eingelieferten Patienten kümmern kann.
    Während die Arbeitszeiten jetzt neu geregelt werden (keine Sorge, an Wochenenden und Feiertagen bleiben die 24 h Dienste), wird natürlich auch das ohnehin nicht üppige Gehalt gekürzt, so daß man sich Nebenjobs suchen muss.

    Ich mag meine Patienten, aber die Arbeitsbedingungen für Ärzte (und für Pflegepersonal nicht minder) werden hierzulande zunehmend inakzeptabel.

  7. B“H

    @Medbrain

    Ich meinte, dass es gegenueber den Israelis den Deutschen doch noch gut geht mit ihrem Gesundheitssystem, welches doch noch recht sozial ist. Wir (in Israel) dagegen muessen sehr sehr viel Geld in Medikamente und private Krankenversicherungen investieren, um eine gute Behandlung zu bekommen.
    Das beste ist natuerlich immer, man wird nicht krank.:-)

    Miriam

  8. Lassen wir mal die Klagen über schlechtes Benehmen, denn darum handelt es sich bei „Aufräumansprüchen“, beim „Abpassen auf dem Heimweg“, beim „Fordern von Lakaiendiensten“, außen vor. Denn das ist nicht systembedingt, daran kann man nichts machen außer ziemlich gallig die Leute zur Ordnung rufen.

    Deine Definition von »Solidarität« ist wichtig: nur das abzurufen, was man wirklich braucht. Das beinhaltet sicherlich: sich auch nicht in eine Lage zu bringen, in der man mehr Leistungen braucht (was ist mit gefährlichem Sport? Rauchen? Saufen? Wer soll die Benimmpolizei sein? Übrigens nach der aktuellen Reform die Ärzte, denn die sollen entscheiden dürfen, ob der Patient brav ist und mitmacht, sonst gibt es nämlich keine Erstattung mehr.).

    Typisches menschliches Fehlverhalten: wenn ich eine Versicherung bezahle will ich auch was zurück bekommen. Also werden Antennen von Autos immer gestohlen und nicht abgeknickt. Und weil das im kleinen so schön klappt, deshalb versuchen viele Menschen es auch im großen. Da höre ich beim Hausarzt: »Können Sie mir nicht was verschreiben?« Und seine Antwort: »Nein, trinken Sie viel und lassen Sie ein paar Tage das Rauchen, dann geht es schon und ist auch günstiger. Denn das müssten Sie selbst bezahlen.« »Aber das zahlt doch die Gruppenkasse.« »Dann können wir jetzt auch mal die schonen.« Ja, ich gehe zu einem ganz hervorragenden Hausarzt. Der hat mir mal Kopfschmerzen nach einem Unfall mit einem hektografierten Blättchen mit 10 Bewegungsübungen zum Selbermachen weggedoktert. Reich wird der so nicht. Aber der reduziert den von ihm zu verantwortenden Schaden sehr.

    Und da sind wir beim Missbrauch und seinen Voraussetzungen: ohne Unterschrift eines Arztes geht in unserem System ja nichts. Also ist jeder Missbrauch auch immer von mindestens einem Approbierten mitgetragen. Und ich bin bereit den Patienten Unwissenheit (mit ein wenig Versicherungsmissbrauch) zu unterstellen. Aber der Arzt muss es doch wissen. Warum machen Ärzte so bereitwillig mit beim Zerstören des Systems? Ich muss annehmen, dass sie sich damit rächen wollen für das weitgehende Versagen ihrer Ehrenwerten Gesellschaften. Warum finde ich einfach keinen Arzt (außer den dort gewählten), der zugibt daran mit schuld zu sein? Die einen waren bei der Wahl noch zu jung, die anderen hatten gerade Klassenfahrt. So kommen mir die Ausreden oft vor. Ein guter Freund von mir gibt zu: das hat mich eigentlich noch nie interessiert.

    Das Geld des Systems, und es ist nicht wenig, wird verteilt in paritätischer Bestimmung durch Ärzte/Zahnärzte, Krankenhausgesellschaft und Krankenkassen. Die Patienten haben da nix zu sagen, noch nie. Also wer trägt die Verantwortung für Änderungsbedarf?

    Die vielen Bereitschaften hätten längst abgeschafft sein können. Immer wenn das politisch gewollt war haben sich vor allem die Krankenhausärzte beschwert: sie wollten nicht auf das Geld verzichten. Das Geld musste zunehmend knapper ausgeschüttet werden, damit die Bereitschaft der Vertretung der Krankenhausärzte wuchs, auf diesen gefährlichen Unsinn zu verzichten. Übrigens waren daran mal nicht die bösen Chefärzte schuld, die machen meist keine Dienste mehr.

  9. „Was Privatpatienten mit sich machen lassen, ist vom nichtpriv. Sektor nicht berührt.“

    Es gibt Systeme, in denen es nur oder hauptsächlich den privaten Sektor gibt. Israel ist zwar nicht ganz so organisiert, aber es ist nicht weit davon entfernt. (Zahnärztliche Leistungen sind beispielsweise komplett ein freier Markt). Da in Europa die Kassen langsam pleite gehen, wird es auch dort über kurz oder lang zu einer Amerikanisierung des Gesundheitsswesens kommen – oder zu einem Kollaps des Systems.

    „Das Prinzip der Versicherung beruht auch auf dem Prinzip der Solidarität: alle zahlen ein, diejenigen, die die entsprechenden Leistungen brauchen, erhalten sie.“ Das ist genaugenommen keine Versicherung sondern eine Krankheitssteuer: Jeder zahlt an den Staat einen gleichen Betrag, und der Staat teilt aus nach Bedürfnis. Es ist kein marktwirtschaftliches sondern ein planwirtschaftliches System.

    Eine Versicherung dagegen beruht auf freien Verträgen zwischen Versicherer und Versicherten, bei dem der Gegenstand und der Preis Verhandlungssache ist und sich auf dem freien Markt bewegt. Das was du vereinbart hast zu versichern, das wird dir im Versicherungsfalle ausgezahlt. Ob du das brauchst oder nicht, das mußt du selbst entscheiden!

    Das ist der Unterschied zwischen der europäischen und der amerikanischen Methode – Selbstverantwortung gegenüber staatlicher Fürsorge.

    Natürlich ist das Rumdum-Sorglos-Paket besser, aber leider eben nicht auf ewig finanzierbar.

  10. @Schmetterlingsfrau: »Rumdum-Sorglos-Paket« ist einer der altbekannten Kampfbegriffe der politischen Liberalitniks, die zwar fast immer mitregiert, in D aber noch nichts vollbracht haben zum Guten im Bereich Gesundheit. Die vertreten die Pharmariesen und die Privatkassen. So sei es.

    »Freier Markt« ist ein Schimpfwort im Gesundheitsbereich und wird es bleiben. Denn dieses (amerikanisch/angelsächsische) System beruht auf der Ausgrenzung von erst einmal mindestens 20% der Bevölkerung. Sowas kann sich ein wirklich verantwortlicher Politiker in Europa glücklicherweise nicht vorstellen (außer die o.g. Liberalen als Standesvertretung der wenigen Reichen).

    Patienten sind im Bedarfsfall nicht in der Lage ihre Marktmacht als Gegengewicht zu den Leistungsanbietern einzubringen. Deshalb ist diese angelsächsische Ideologie menschenverachtend zu Lasten aller Schwachen. Wer das will soll auch offen sagen: »Ich will eine Darwin’sche Auslese der Stärksten, die anderen sollen sehen wo sie bleiben. Ich bin für das Gesetz des Dschungels unter Menschen.«

  11. Menschenverachtend? Ich hab’s gar nicht bemerkt, daß die Diskussion schon so weit fortgeschritten ist. Diese Themen sind eben undiskutierbar, da sofort in dogmatischer Härte die moralische Keule geschwungen wird. Daher klinke ich mich hier jetzt aus. Ein schönes neues Jahr.

  12. Oh ein Nachtrag noch: Es müßte doch „Amerikanerfaß“ heißen und nicht „Angelsachsenfaß“. Soweit ich informiert bin, gibt es in UK die staatliche Vollversorgung genannt NHS. Ich weiß von Bekannten, daß es vorkommen kann, daß man auf eine NHS-Zahnbehandlung Jahre (!) warten muß. Daher gehen viele „fremd“ und suchen sich eben privat einen Arzt. Oder man fährt ins Ausland, wo es billiger ist (Zahntourismus, Kosmetische Chirurgie-Tourismus – das machen auch Deutsche. In der Türkei und Thailand gibt es ganze Dörfer, die davon leben.)

  13. Hallo Wolf,

    meine Definition von Solidarität schließt sicher auch selbstverschuldete Dinge mit ein, gerade weil ich keine Benimmpolizei will. Aber dazu gehört auch strikt: ambulant zu führende Erkrankungen werden nicht stationär aufgenommen, keine unnötigen Mehrfachabklärungen nach gründlich erfolgtem Ausschluß organischer Ursachen der Beschwerden (z.B. Mehrfachkollaps bei Hypochondrie). Dazu gehört auch ein mit dem Patienten zu vereinbarendes Setting, an das sich beide halten (Stichwort Koryphäenkiller, Arzthopping etc.).

    Ohne jeden Zweifel ist immer ein Approbierter mit von der Partie, wenn es um das Anordnen und Verschreiben geht! Oft fehlt einfach der Mut, mit dem Patienten über eine möglich psychosomatische Ursache zu sprechen oder nach einem Trauma in der Familie zu fragen!
    Wie Dein Freund muß ich da sagen: die „ehrenwerten Gesellschaften“ sind mir ein Greuel!! Diese Speichellecker – schon seit Beginn meines Studiums dieselben weit und breit – widern mich an! Ich bin Ärztin geworden, um Patientenkontakt zu haben, nah am Menschen dran zu sein. Soll ich das aufgeben, um in Gremien mit Leuten zu sitzen, deren Gesellschaft mir zuwider ist?

    Die Bereitschaftsdienste bringen nur halt das Geld, das das Arztgehalt über das Niveau eines MTA Gehalts hebt.

  14. @Schmetterlingsfrau:
    Das europäische System wird ja auch „soziale Marktwirtschaft“ genannt.
    Schwarz-Weiß-Malerei mag ja für Pointen gut sein, aber die Wirklichkeit ist wie immer vielfältiger.

  15. @Schmetterlingsfrau: wer die Hitze nicht aushält soll nicht in die Küche gehen (altes englisches Sprichwort). Das Gesundheits“system“ ist sowohl in Amerika wie auch England (und vielen anderen Ländern) auf einem Utilitarismus (nicht: dem U.) aufgebaut. Das nur Amerikanern vorzuwerfen greift zu kurz, jahrelanges Warten ist vielfach wie Verweigerung. Das System in Amerika und England ist schlecht, obwohl oder gerade weil es im deutschen Sinne „liberal“ ist.

    @medbrain: also die »Benimmpolizei Arzt« steht im Gesetzentwurf. Übrigens hat außer den Patientenvertretern auch niemand das ändern wollen, auch die KBV nicht.

    Du leidest an dem, was und wie die Ehrenwerten Gesellschaften arbeiten mehr als an den Patienten, die sich schlecht benehmen. Und das könnt nur Ihr Ärzte ändern, es geht nicht anders. Und Ihr werdet nicht mit sauberen Händen aus so einer Schlammschlacht rauskommen, mein Beileid. Oder wir zerschlagen das politisch. Wollt Ihr wirklich aufgeben und uns machen lassen? Das ist nicht sehr weitsichtig, aber mir soll’s egal sein. Ich werde mich dann schon um meine Ärzte auch kümmern, wir Patientenvertreter wissen nämlich sehr genau, was wir an Euch haben.

    Und bitte: nicht MTA und Arztgehalt mir gegenüber gleich stellen. Ich kenne die Tarife und kann jederzeit mir unbekannte Tarife nachschlagen.

    Wenn wir hier und mit „2“ durch sind können wir ja mal diskutieren, wieviel eigentlich ein Arzt bekommen soll, wieviel er verdient, wieviel er bekommt, warum das nicht alles eins ist … aber wir warten besser ein paar Tage, sonst geht mir alles durcheinander.

  16. Hallo Wolf,

    der Vergleich der Gehälter kommt von 2 Gehaltszetteln im Vergleich (und ich bin im Sinne der Tarife halt noch Anfänger).

    Ganz recht, ich leide nicht unwesentlich an dem von den „ehrenwerten Gesellschaften“ geschaffenen Klima, in dem mir „ungezogene“ Menschen zusätzlich zu schaffen machen.

    Im Grunde will ich weder aufgeben noch andere machen lassen. Aber ich brauche momentan noch mehr Praxiserfahrung bevor ich ernsthaft und sinnvoll erwägen kann, mich mit Verwaltung zu befassen oder auf andere Weise Verantwortung zu übernehmen.

  17. Bei Vergleich der gleichen (Dienst-)Altersstufen sieht es ganz anders aus. Du darfst Dich nicht ärgern, dass eine OP-Schwester mit 30 Jahren Berufserfahrung (eine Freundin von mir) mehr verdient als eine Assistenzärztin mit 2 Jahren Berufserfahrung. Sonst bekommst Du Magengeschwüre und kannst es dennoch nicht ändern. Das haben die Tarifpartner, auch die der Ärzte, so vereinbart. Und da gibt es gute Gründe für.

    Aber wie fast immer: das mit dem Geld ist es ja nicht in der Hauptsache, auch wenn es schon wichtig ist. Die Hauptgründe für Unzufriedenheit liegen in Belastungen jenseits des Finanziellen. Und da muss man halt immer fragen: wer hat diese Belastungen geschaffen, wer verantwortet sie. Und ich beobachte eben mit zunehmender Ungeduld wie die Ehrenwerten Gesellschaften ganze Generationen von Ärztinnen und Ärzten vergiften, wie sie das Klima zwischen Ärzten und Patienten vergiften, wie sie demokratische Basics angreifen, wie sie gleichzeitig nicht einen einzigen praktikablen Vorschlag zur Lösung der zweifellos vorhandenen Probleme machen. Wenn ich mir die Bürokratie ansehe, dann sehe ich immer auch, wem das so nützt: da wird verschleiert und getrickst, damit nur niemand durchblickt und die heimlichen Pfründe erkennen kann, vor allem nicht Ihr jüngeren Ärzte. Solange Ihr Formulare ausfüllt seid ihr beschäftigt.

    Als Patientenvertreter bin ich mir mit fast allen tätigen Ärzten schnell einig. Als Versichertenvertreter wird es schwieriger, weil wir dann auch über Geld streiten müssen (nicht umsonst sind Tarifverhandlungen immer so anstrengend). Wir brauchen keine Vielzahl an gesetzl. Krankenkassen, wir brauchen keine 16 KVen plus Bundes-KV, wir brauchen keine Landes- und Bundesverbände jeder Kassenart. Aber die GKV verbraucht nachweislich weniger Versichertengeld für die Verwaltung als die PKVen. Übrigens die brauchen wir auch nicht als Grundversicherung, die sollten auf Zusatzversicherungen begrenzt sein.

    Ich bin wahrscheinlich älter. Ganz plötzlich wurde ich vor 2 Jahren in dieses Arbeitsfeld gestoßen. In der nächsten Woche habe ich 4 Sitzungen in unterschiedlichen Orten zu verschiedenen Themen. Ich bekomme dafür die Fahrtkosten erstattet und ein billiges Hotel (aber ohne Essen). Zusätzlich soll es für 2 der 4 Tage ein Sitzungsgeld von je 50€ geben. Das muss noch versteuert werden. Aber bei allen Fehlern lohnt dieses System den Einsatz. Denn es gibt nichts besseres. Und wenn Ärzte nicht gegen die Ehrenwerten Gesellschaften kämpfen, sich auch Politiker nicht rantrauen, dann müssen eben Patienten den Kampf (auch für die Ärzte) aufnehmen. Das ist ziemlich viel Arbeit. Vor allem wegen der vielen Nebelkerzen.

  18. Du hast schon recht, die Belastungen jenseits des Finanziellen sind ein wichtiger Faktor. Von der Existenz demokratischer Strukturen in der Medizin merkt man im Klinikalltag nicht viel („Maßnahme X ist nicht indiziert, in Studien als nicht wirksam erwiesen“ – „So wird das jetzt gemacht“), Öffnungsklauseln in div. Tarifverträge werden oft auch mit „Mauschelei“ bewirkt etc.

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