Sterben verboten (2) – Antworten aus der Halacha

Vorab sei gesagt: der Begriff „jüdische Medizinethik“ ist m.E. irreführend. Jüdisches Verhalten wird durch die Halacha, das Religionsgesetz geregelt. Eine Ethik im Sinne einer Richtlinie gibt es nicht – es gibt Vorschriften, Gebote. Einen Teil versuche ich darzulegen.

Es ist in der Medizin ein Dauerbrenner – wie lange und wie weit sollen lebenserhaltende Maßnahmen gehen?

Das Judentum ist eine lebensbejahende und dem Leben zugewandte Religion, die es gebietet, z.B. alle Regeln des Shabbat zu brechen, um ein Menschenleben zu retten. Aktive Euthanasie ist absolut verboten.

Dennoch bedeutet dies nicht, daß ohne Rücksicht auf Prognose oder Verluste immer wieder reanimiert werden soll. Da in talmudischen Zeiten die Möglichkeiten der Lebensrettung und – erhaltung deutlich limitiert waren gibt es hierzu nicht sehr viele Quellen. Eine der vorhandenen ist das Martyrium von Rabbi Chanina ben Teradion, der die Entfernung der in Wasser getauchten Wolle um ihn, die sein Leben (und seine Qualen) verlängern würde, erlaubte – diese Entscheidung hat in der Tradition G´ttes Einverständnis (B. Avodah Zara 18a).

In Rabbiner Moses Isserles´ Kommentar des Schulchan Aruch heisst es:

„It is forbidden to do anything to hasten the death of one who is in a dying condition…If, however, there is something that causes a delay in the exit of the soul, as, for example, if near to this house there is a sound of pounding as one who is chopping wood, or there is salt on his tongue, and these delay the soul´s leaving the body, it is permitted to remove these because there is no direct act involved here, only the removal of an obstacle.“ (S.A. Yoreh Deah 339:2)

Im Sefer Chasidim ist eine Handlung, welche die Agonie des Patienten verlängert, indem sie seinen schnellen Tod verzögert, ausdrücklich verboten.

In der heutigen Zeit wirft dies die Frage auf, wo die Verpflichtung zu Therapie enden soll und ab wann man einen Patienten „gehen lassen“ darf.

Die jüdische Theologie betrachtet das Leben als in Stadien ablaufend. Sobald ein Mensch das Stadium eines goses, eines Moribunden erreicht hat, darf man nicht-palliative Therapie einstellen. Nach Rabbiner David Bleich definiert dieses Stadium als eine Situation der maximalen Therapie, trotz der die Ärzte die Ansicht vertreten, dass der Patient binnen 72 Stunden sterben wird.

Im Talmud (B. Avodah Zarah 27b) heißt es:

„We do not worry about mere hours of life“

jedoch auch(B. Yoma 85a), dass man selbst für eine Lebensverlängerung von Stunden die Regeln des Shabbat brechen darf.

Soweit zu orthodoxen Quellen. Gemäß konservativer Halacha gibt es ein weiteres Stadium des Lebens. Das Leben von Menschen, die an einer unheilbaren Erkrankung leiden, aber eine Lebenserwartung von Monaten oder Jahren haben, wird als terefah – gefährdetes Leben bezeichnet. Hier wird die Erlaubnis gegeben, Medikation und maschinelle Behandlung (wie z.B. Beatmung) nicht durchzuführen.

Quelle: Dorff, Elliot N.: Matters Of Life and Death

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8 Antworten

  1. Wird zwischen Krankheit und Behinderung unterschieden?

  2. Ja, es wird zwischen Krankheit und Behinderung unterschieden.
    Behinderung im Judentum ist ein weites Feld. Hier vorab aus dem Kapitel „Disabled newborn infants“ bei Dorff:
    „Once a child is born the child is full-fledged human being and is to be treated in its health care like all other human beings. That is true for disabled newborns just as it is for those fully abled. The image of G´d in each one of us does not depend upon ability or skill […].
    If a child is born with severe disabilities that threaten his or her life , however, heroic measures need not be employed to keep the infant alife. Here the same rules that govern the withholding and removal of life support systems from any human beings apply to newborns, with all the diversity of opinion among rabbis noted in Chapter 8. “

    Auch das ist lange nicht alles, was man dazu schreiben kann (o. was Dorff dazu schreibt).

  3. B“H

    Es gibt noch sehr viele weitere Quellen zum Thema sterben. Eine der wichtigsten ist vielleicht im Talmud Berachot, wo es heisst, dass derjenige, der einem Sterben die Augen vor dessen Tod schon zudrueckt als Moerder gilt.

    Aber zum Thema Sterbehilfe oder wie lange am Leben erhalten will ich mich nicht weiter aeussern. Es gibt dafuer in Jerusalem Halacha – Experten (Poskim) und selbst unter denen gibt es Streitigkeiten. Selbst ein „normaler“ Rabbiner ist mit dem Thema ueberfordert, wenn er kein Posek ist.

    Wenn du aber Fragen haben solltest, hier eine gute Anlaufstelle:
    http://www.eretzhemdah.org/mainform.html

    Dort sitzen hervorragende Poskim, die dir weiterhelfen koennen.
    Miriam

  4. Aber wie unterscheidet man zwischen Krankheit und Behinderung? Es geht ja nicht nur um die Abtreibungs- und Euthanasiefrage bei Kindern, es geht ja auch um Euthanasie im höheren Lebensalter.

  5. Wolf,
    ich erläutere es demnächst.

  6. B“H

    Es gibt einige bekannte Faelle, in denen der leider schon verstorbene grosse Halacha – Experte Rabbi Moshe Feinstein (von dem ich ein grosser Fan bin) diverse Urteile faellte. Ich muss dazu sagen, dass es bei solchen medizinisch halachischen Urteilen immer auf den Individualfall ankommt.
    Bei seiner beruehmteste Entscheidung ging es um siamesische Zwillinge. Er faellte ein brilliantes Urteil darueber. Falls jemand Interesse hat, kann ich den Fall gerne erlaeutern.

    Miriam

  7. Ich würde mich natürlich sehr freuen, Miriam!

  8. B“H

    Ich habe von dem Fall in einem Shiur erfahren, wo wir das ganze halachisch auseinander nahmen. Aber hier die genauen Angaben:

    http://www.daat.ac.il/daat/kitveyet/assia_english/halperin2-1.htm

    Miriam

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