Im Bilde G´ttes schuf er ihn

..heißt es im ersten Buch Moshe (Bereshit; Genesis) 1,27.

Hierauf gründen sich die Verhaltensregeln anderen Menschen gegenüber: einen Menschen zu beleidigen, heisst G´tt zu beleidigen.

1,27 Gott schuf den Menschen in seinem Bilde,
im Bilde Gottes schuf er ihn,
männlich, weiblich schuf er sie.

Aus diesem Vers – nicht aus Leistung, Stellung, körperlicher Unversehrtheit oder gar Reichtum – gründet sich der Wert eines Menschen. Wenn man einen behinderten Menschen sieht, sagt man eine Bracha – einen Segensspruch: Gelobt seist Du, Herrscher der Welt, der Du die Menschen verschieden gemacht hast (meshaneh habriyot). Die Bracha soll den g´ttliche Wert jedes einzelnen Menschen ohne Hinblick auf vorhandene oder eben nicht vorhandene Fähigkeiten in Erinnerung rufen.

 

Die Torah verbietet die Belästigung Behinderter, insbesondere steht geschrieben:

Lev 19,14 Lästre nicht einen Tauben,
vor einen Blinden lege nicht einen Anstoß:
fürchte dich vor deinem Gott.
ICH bins.

 

In Bezug auf die Fragen ob und wie zwischen Krankheit und Behinderung unterschieden werde in Hinblick auf Abtreibung bei Kindern und Euthanasie im höheren Lebensalter, gilt es, klare Definitionen zu verwenden:

  • Mord: heimtückisches Töten ohne eine legale Rechtfertigung [und das bedeutet in diesem Zusammenhang: im jüdischen Recht] wie Selbstverteidigung oder Krieg.
  • Selbstmord: Selbsttötung
  • Aktive Euthanasie: jemand anderem das Leben nehmen, für einen „guten“ Zweck, meist um Menschen von Schmerzen oder Leiden zu erlösen
  • Passive Euthanasie: nicht in einen Sterbeprozeß eingreifen, um ihn aufzuhalten

Die jüdische Tradition klassifiziert sowohl aktive Euthanasie als auch (Beihilfe zum) Selbstmord als Mord.

Schwangerschaftsabbruch

Abtreibung in der jüdischen Tradition ist unter einigen Umständen erlaubt, unter anderen geboten, jedoch sicher nicht als moralisch wertfreies Mittel der Willensäußerung oder Geburtenkontrolle. Entgegen der unter säkularen Juden populären Ansicht, in der jüdischen Tradition gebe es eine Blankovollmacht zur Abtreibung ist diese nur in einigen, wenigen Fällen legitim. Sie wird jedoch nicht – wie im Katholizismus – als Mord betrachtet.

Ein Fetus ist in der jüdischen Theologie (die ja – salopp ausgedrückt – immer eine praktische Lebensanleitung darstellt) nicht ein eigenständiges Leben sondern bis zur Geburt [genau: bis sein Kopf oder sein „größerer Teil“ aus dem Mutterleib hervorkommt] Teil seiner Mutter, die ein eigenständiges Leben darstellt. Im jüdischen Recht wird er dem (Ober)Schenkel seiner Mutter gleichgesetzt (B. Hullin 58a). Der Körper aber ist G´ttes Eigentum – nicht das des Menschen – , man darf also seinen Oberschenkel nur dann amputieren, wenn man sein Leben oder seine Gesundheit dadurch wahrt.

Das jüdische Gesetz gebietet Abtreibung, wenn die – seelische oder physische – Gesundheit der Mutter durch die Schwangerschaft gefährdet wird. Es erlaubt Abtreibung, wenn das Risiko für die Gesundheit der Mutter größer als das einer normalen Schwangerschaft , aber nicht groß genug ist, um eine gesicherte Gefahr darzustellen.

Die Bandbreite der Meinungen, wei groß die Bedrohung der Gesundheit der Frau sein muß, um einen Schwangerschaftsabbruch zu erlauben oder zu fordern, ist groß. Im folgenden seien einige Beispiele genannt:

  1. Eine Frau hat eine Mehrlingsschwangerschaft (definiert als mind. 3 Fetus). Um ihr Leben zu schützen, muss eines oder müssen mehrere der Feten abgetrieben werden: erlaubt, je nach genauen Umständen gefordert.
  2. Wenn man im 1.Fall durch genetische Testung die Überlebenschancen der Feten bestimmen kann, ist die Abtreibung derer mit geringen Chancen erlaubt.
  3. Eine schwangere Frau ist Opfer einer Vergewaltigung: erlaubt, um die seelische Gesundheit der Mutter zu erhalten.

Klar gesagt: Abtreibung, weil ein Kind behindert sein könnte, ist nur mit der seelischen Gesundheit der Mutter begründbar und auch nur, weil „seelische Gesundheit“ ein auslegbarer Begriff ist.
Es gibt in der jüdischen Tradition keine Erlaubnis zur Abtreibung, die mit der Gesundheit des Fetus in Verbindung steht. In orthodoxen Kreisen wird oft keine Amniozentese (Fruchtwasseruntersuchung) durchgeführt – nicht einmal dann, wenn es in der Familie bereits Kinder mit [u.U. tödlichen verlaufenden] genetisch bedingten Erkrankungen gibt -, weil es keine Konsequenz des Handelns nach sich zieht.

Auch hier gilt: in diesem Rahmen stelle ich bestimmte Sachverhalte zusammengefasst und verkürzt dar. Im Detail sind die Unterscheidungen noch sehr viel genauer.

Quellen:

  • Dorff, Elliot N.: Matters Of Life and Death
  • Buber/Rosenzweig: Die Schrift
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6 Antworten

  1. danke für deine letzten beiden beiträge!

  2. B“H

    Ich kann nur bestaetigen, dass bei Orthodoxen keine Fruchtwasseruntersuchungen durchgefuehrt werden. Ebenso keine Voruntersuchungen, ob es ein Junge oder ein Maedchen wird.

    Zum Ebenbild: Der Rambam hat dazu eine grossartigen Kommentar gleich zu Beginn des „Guide for the Perplexed“.

    Ich bin mir nicht sicher, ob es sich bei der folgenden Story um eine Story aus dem Talmud handelt oder aus einer anderen Quelle. Jedenfalls fand sie zu talmudischer Zeit statt:

    Ein Rabbiner ritt nahe Jerusalem auf einem Pferd und sah einen Bettler am Strassenrand. Der Rabbiner sagte dem Bettler, wie haesslich er sei. Er haette noch nie solch einen haesslichen Menschen gesehen.
    Der Bettler antwortete daraufhin: Ich habe mich nicht so erschaffen, aber beschwere dich doch einmal bei meinem Schoepfer.
    Beschaemt entschuldigte sich der Rabbiner.

  3. Ist es nicht so, dass es sich bei Abtreibung um eine Art gebilligte Selbstverteidigung der Frau handelt, die aus mangelnden Gründen sehr wohl Mord wäre? Ich glaube, der Rambam führte diesen Aspekt ein; im Falle der Gefährdung der Frau – psychisch oder physisch – darf sie den Fötus wie einen Rodef, einen Raubmörder betrachten, gegen den sie sich mit Recht verteidigen darf. Es gibt ja auch diese verschiedenen Zeitgrenzen, 40 Tage, bzw. bei ernster Gefährdung bis zur Geburt.

    Zu deiner Story Miriam: Gut dass der Bettler so schlagfertig war! Sonst wage ich nicht daran zu denken, welche Spätfolgen so ein Ausspruch in der Realität hätte…

  4. Ja, sicher, so ist es.

  5. Also, ich kenne persönlich zahlreiche orthodoxe Juden (modern orthodoxe ebenso wie chareidische), die Abtreibung sehr wohl für Mord und ein „bestialisches Verbrechen“ halten, sie sogar mit der Shoa vergleichen („neuer Holocaust“, „Massenmord“).

  6. Zwischen den Meinungen einzelner und der Halacha wie auch deren Auslegung in verschiedenen Strömungen gibt es durchaus Unterschiede.

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