Überraschungen aus einer Kleinstadt

In einer quasi-Ruhephase habe ich mich in eine andere Region unseres Landes begeben und dort als „alte“ (da dieses Wort langsam aber sicher eine andere Bedeutung gewinnt, sollte ich wohl vorsichtiger damit umgehen) Leseratte auf der durch meine unersättliche Neugier obligatorisch gemachte Stadtrundgang unmittelbar in die relativ große Buchhandlung. Wie sollte es anders sein – ich habe meine „Bibliothek“ erweitert und dabei auf dem beinahe fluchtartig angetreten Weg nach draussen aus dem Augenwinkel das Regal mit der Überschrift „Region“ gesehen. Um mir die Illusion zu erhalten, nicht an Buchkaufsucht zu leiden, habe ich keinen Halt gemacht. Dass das in einer Boomerangbewegung enden würde, war mir schon klar.

Mit dem Gedanken im Hinterkopf, dass diese Kleinstadt wie die meisten ihrer Art in Deutschland vor dem Holokaust eine jüdische Gemeinde hatte, wollte ich wissen, was eine Buchhandlung diesbezüglich zu bieten hat. In einem Buch über die Friedhöfe dieser Stadt habe ich 1 1/2 Seiten zu einem jüdischen Friedhof mit dem Verweis auf eine Ausgabe der „Heimatbund“ Zeitschrift Nr. X gefunden, die sich speziell mit dem Thema befasse. Na, hab´ich gedacht, den Band haben sie sicher nicht. Dachte ich – sie hatten ihn aber doch. Nicht nur das, er ist ausgesprochen gut aufgebaut!

Die Opfer sind mit ihrem letzten bekannten Deportationsziel genannt, Agitatoren namentlich mit ihrem Lebenslauf, Überlebende und ihre Familien mit weiterer Familiengeschichte.

Insgesamt scheint mir wenig Schönfärberei bei der Berichterstattung betrieben worden zu sein, was diesen Band zu einer seltenen Art gehören läßt. 

Eine alte Synagoge gibt es noch – ich werde sie mir in den nächsten Tagen ansehen gehen.

Nachtrag vom 21.03.07:

Heute habe ich sie mir also angesehen, die alte Synagoge. Sie wurde von einem der örtlichen Vereine restauriert und wird von eben jenem Verein genutzt – eine jued. Gemeinde gibt es nicht mehr. Von innen konnte ich sie nicht sehen.

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3 Antworten

  1. Finde ich in der Tat überraschend, dass auch die Täter aufgeführt sind, denn bei der Nennung der Opfer sind diese Werke ja meist großzügiger – was nach meiner Erfahrung von deren Nachfahren nicht immer positiv aufgenommen wird (Was, Sie sind Jude ?!!!) Sonst denkt man ja bei manch regionalgeschichtlichem Werk, dass die halbe Stadt im Widerstand gewesen sein müsse.

    Wie schwer es ist, so etwas zu veröffentlichen, hat eine ehemalige Kollegin von mir erfahren müssen, die an einem Buch über die Geschichte Nettetals mitarbeitete, einige Familien haben vehement versucht die Veröffentlichung zu verhindern und es sogar geschafft, dass ein Kapitel aus dem Buch herausgenommen werden mußte….

  2. B“H

    Dass, was einem bei einer Veroeffentlichung passieren kann, erlebte Anna Rosmus in Passau:

    http://de.wikipedia.org/wiki/Anna_Elisabeth_Rosmus

  3. Stimmt, „das schreckliche Mädchen“! Ganz so schlimm erging es meiner Kollegin nicht, aber es hat auch ganz schön Nerven gekostet. Eine weitere Bekannte verlor ihren Job, als durch ein Heimatbuch bekannt wurde, dass sie Jüdin ist. Damals wurden die Opfer nicht gefragt, ob sie mit der Nennung ihres Namens einverstanden wären – auf die Täter wurde mehr Rücksicht genommen…

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