Steh nicht still bei dem Blut deines Genossen

In der Buber-Rosenzweig Übersetzung wie immer in wunderbarer Sprache ausgedrückt ist eine der Grundlagen jüdischer Ethik. Ein jüdischer Mensch hat nicht nur die Verpflichtung, sein eigenes Leben zu erhalten, sondern er trägt auch Verantwortung für dasjenige seiner Mitmenschen:

 

Lev 19,16

Trage nicht Verleumdung unter deinen Volkleuten feil,
steh nicht still bei dem Blut deines Genossen.

 

Der Beginn des Verses richtet sich gegen Klatsch, im Jüdischen laschon hara, schlechte Rede, genannt. Die Nähe dieser beiden Verbote bezeugt die Bedeutung v.a. des ersten Teils – aber das nur nebenbei.

Der Erhalt des eigenen Lebens hat jedoch Vorrang vor der Hilfe für andere. Organspenden von lebenden Personen sind erlaubt, da sie Risiken in sich bergen haben sie nicht den Status einer Verpflichtung.

Postmortale [nach dem Tod eines Patienten ] Organspende ist aus vielen Gründen eine im Sinn der halachischen Argumentation schwierigere Angelegenheit.

Der Umgang mit Toten ist im Judentum gekennzeichnet durch das Prinzip כבוד המת, dem Respektvor und der Ehre der Toten, der sich aus drei Verboten ableitet: ניוול המת (Schändung eines Toten, z.B. durch Entstellung), הנאה מן המת (Nutzen aus einem Toten ziehen) und הלנת המת (Verzögerung der Beerdigung). Für einen der früheren israelischen Oberrabbiner, Isser Yehuda Unterman war die Entscheidung klar:

Regarding the question of wether the law permits surgical removal of tissue from a dead body…subsequently to be transplanted as an organic part of the living…I find the matter to be simple. Since these procedures constitute preservation of life, there is no difficulty. After all, weighty Torah prohibitions are set aside for the preservation of life. Hence, such surgical procedures conducted to save a life are absolutely permitted.

Die Definition des Todes eines Menschen über den Hirntod ist medizingeschichtlich noch sehr jung: erst 1968 wurde sie von der World Medical Assembly eingeführt. Der Wissenschaftliche Beirat der Bundesärztekammer definierte 1991 den Hirntod folgendermaßen:

„Zustand des irreversiblen Erloschenseins der Gesamtfunktion des Großhirns, des Kleinhirns und des Hirnstamms bei einer durch kontrollierte Beatmung noch aufrechterhaltenen Herzkerislauffunktion. Der Hirntod ist der Tod des Menschen.“

Während der Hirntod als Tod des Menschen im konservativen Judentum allgemein akzeptiert wird, ist er in der Orthodoxie trotz prominenter Befürworter wie Rabbiner Moshe Feinstein und Moshe Tendler.

Dies gilt für lebensnotwendige Organspenden. Z.B. Kornea- und Hauttransplantate sind noch einmal anderen Bestimmungen auf der Seite des Empfängers unterworfen.

Zum Weiterlesen: Organspende nach Systemen gegliedert, aus konservativer Sicht

Quellen – neben o.g. Links:

  • Zitate des Tanach aus der Buber Rosenzweig Übersetzung erhältlich bei der Deutschen Bibelgesellschaft.
  • Dorff, Elliot N.: Matters Of Life and Death

Wie immer gilt: in diesem Rahmen stelle ich bestimmte Sachverhalte zusammengefasst und verkürzt dar. Im Detail sind die Unterscheidungen noch sehr viel genauer.

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5 Antworten

  1. B“H

    Welcome back !!!

    Das von dir angesprochene Thema ist zu komplex und kompliziert und deshalb lasse ich mich da lieber nicht aus.
    Einer der Gruende gegen Organspende koennte die Auferstehung der Toten nach dem Kommen des Meschiach sein. Wobei im Talmud Sanhedrin genauso die Frage gestellt wird, wie denn jene Toten auferstehen, die koerperliche Schaeden haben (Amputation etc.). In der Gemara heisst es dazu, dass diese von der Sonne (eigentlich einem bestimmten Licht beschrieben in der Kabbalah) geheilt werden.
    Wie gesagt, die Sache kann man Tausendfach auslegen und ich bin kein Halachaexperte. Vielleicht dies nur als kleinen Denkanstoss.

    Laila Tov
    Miriam

  2. Hi Miriam,

    den von Dir angesprochenen Punkt hatte ich aus Gründen der Verkürzung und Vereinfachung weggelassen. Er steht sicher hinter Schändung eines Toten.

  3. vielen dank für deinen interessanten beitrag!
    bei uns in der synagoge war vor ca. einem jahr ein rabbiner von „hods“ – halachic organ donor society.
    seinen vortrag fand ich sehr interessant.
    hier die website von hods: http://www.hods.org/index.shtml

    laila tov, schoschana

  4. @Schoschana

    bitte, gern geschehen.
    HODS hat eine gute Site! Auch das Video mit dem Chef von Israel Transplant ist sehr zu empfehlen!

  5. Miriam, hier im Link findest du interessante Erklärungen, warum Organspende halachisch ok ist, und wie man dabei vorgeht:
    http://www.hods.org/
    Gruss
    F.

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