Über volkstümliche Irrtümer in Bezug auf moderne Medizin (1)

Da es manchmal Mißverständnisse über Einweisungsgründe und Erwartungshaltungen mancher Angehörigen gibt, sei hier ein paar der häufigeren ausdrücklich wiedersprochen.

Wenn man Angehörige befragt, weswegen sie einen Patienten ins Krankenhaus bringen oder gar einweisen lassen, hört man oft Dinge wie

– „Der muss doch Infusionen kriegen!“

„Weswegen denn?“

– „Der war doch so schwach in letzter Zeit!“

  • Infusionen sind entgegen dem scheinbar landläufigen Glauben kein Allheilmittel. Im Gegenteil, für einen herzkranken Menschen können sie u.U. schädlich sein. Ein Patient kann eine Braunüleninfektion davon tragen. Bevor man also Infusionen anordnet muß man Diagnostik betreiben.
  • Alte Menschen ziehen sich in Krankenhäusern nicht selten Lungenentzündungen zu.

Außerdem gilt:

  • Krankenhäuser sind keine Kuranstalten.
  • Krankenhäuser sind keine Jungbrunnen
  • In Krankenhäusern befinden sich manchmal wirklich kranke Patienten: darüber zu jammern, daß man selbst oder ein Verwandter neben einer vor Schmerzen stöhnenden alten Dame liegt, ist geschmacklos
  • Alkohol- und Drogenabhängigkeiten werden nicht in Kuranstalten therapiert
  • Einen Rausch im Krankenhaus auszuschlafen ist eher peinlich: wer sich schon besäuft, möge das bitte so tun, daß er sein eigenes Bett noch erreichen kann
  • Für einen Kater nach einem Rausch gibt es von vernünftigen Doktors keine Schmerzmedikamente!

Fortsetzung folgt…

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5 Antworten

  1. So ist es.

    PS:
    Krankenhäuser sind keine Verwahreinrichtungen für aufwändig gewordene pflegebedürftige Angehörige, damit die Familie in den Urlaub fahren kann. Dafür gibt die die Kurzzeitpflege.

    Krankenhäuser schaffen es auch nicht, Pflegeheimanträge zu beschleunigen und kriegen nicht bevorzugt freie Plätze zur Verfügung gestellt.

  2. «… ist geschmacklos» Ja, aber man muss auch mal zur Ruhe kommen können wenn die Schwestern und Ärzte einen kurzzeitig in Ruhe lassen.

    Und Besuche ganzer Familiensippen in Mehrbettzimmern über Stunden, evtl. inkl. Mitbringen ganz außerordentlich stinkender Nahrungsmittel, das auch.

    Wer genug Geld für eine Zusatzversicherung (Einzelzimmer) hat aber nicht dafür einsetzt ist nicht ganz so schlau.

  3. Man muss aber sagen, dass gerade Menschen, die selbst wirklich krank sind (sei definiert als eine Erkrankung, die eine stationäre Behandlung erforderlich macht) sich am seltensten an stöhnenden Patienten stören. Am häufigsten nörgeln Pseudokranke (die meist aus forensischen Gründen aufgenommen werden).

  4. Ja, es ist wirklich so. Eigentlich sollte man den Studenten beibringen, dass diejenigen, die kaum was sagen, sich nicht beklagen und still in sich hineinleiden, diejenigen sind, die in der Regel die schlimmeren Dinge haben. z.B. hatte ich mal eine Frau so um die 50, patent, einfach, aber herzlich, die mit ihrer erwachsenen Tochter draußen im Wartezimmer geduldig wartete. Sie war gekommen, weil ihr die linke Schulter und der Brustkorb wehtat. Auf den Einweisungsschein hatte jemand Schulter-Arm-Syndrom geschrieben. Still wartete sie vor sich hin ohne das Gesicht zu verziehen. Während wir damit beschäftigt waren, sich windende junge Frauen mit Regelschmerzen, Krankenscheinbedürfnisse „migränegeplagte“ junger Männer und Thromboseverdachtsfälle zu behandeln, die so schlau waren, den Notarzt dabei zu haben (zur normalen Praxisöffnungszeit!), um gleich in die Aufnahme zu kommen statt ins Wartezimmer verbannt zu werden, saß die arme Frau draußen und wartete. 2 Stunden lang. Dann hatten wir endlich eine Trage frei, um sie zu untersuchen. Das Troponin-I war um die 10, die CK-MB erhöht, die beschriebene Symptomatik offenbarte einen unfähigen Einweisungsschein-Schreiber (so ähnlich sind sich Angina pectoris und Schulter-Arm-Syndrom nun auch wieder nicht), der bewirkte, dass sie von den Anmeldekräften nach hinten sortiert wurde. Sie hatte vorher ewig beim Hausarzt gesessen und zwei Stunden bei uns im Wartezimmer. Sie hatte einen Herzinfarkt und sich artig hintenangestellt ohne zu meckern, weil sie dafür zu große Schmerzen hatte. Zeit ist Gewebe… Die „Migräne“, Regelschmerzen und Nicht-Thrombosen gingen meckernd ob der Wartezeit von 30 min wegen Laborwerten nach Hause nachdem…

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