Altneue Erkenntnisse

Als ich am (humanistischen) Gymnasium meiner Heimatstadt Abitur machte – mit großem Latinum und Altgriechisch Leistungskurs wurde ich als Dinosaurier angesehen, wenn ich  – gefragt nach dem Zweck der humanistischen Bildung – auf eine fundierte Allgemeinbildung verwies. „Pah“ kommentierte ein Familienmitglied, das den naturwissenschaftlichen Zug eines Gymnasiums absolviert und das Abitur mit dem Durchschnitt 1,1 abgelegt hatte. Nutzen werde mir dies nicht. Er entsprach dem Zeitgeist – und war stolz darauf.

Meine humanistische Bildung hat mir ein weit gefächertes Allgemeinwissen und die Fähigkeit beschert, über meinen eigenen Tellerrand hinaussehen zu können. Sicherlich kann sie hierfür keine Garantie geben, doch hat ein großer Anteil derjenigen, die von dem Begriff Fachidioten nicht betroffen sind, eine solche humanistische Ausbildung genossen.

Zu meinem großen Erstaunen gewinnt sie wieder an „offizieller“ Anerkennung, wie der Artikel des Palliativmediziners Gian Domenico Borasio zeigt, der einige der eklatanten Kommunikationsprobleme deutlich benennt. Er beschreibt seine Erfahrungen mit Medizinstudenten am Ende der theoretischen Ausbildung, ohne jedoch die offensichtliche Schlußfolgerung zu ziehen: bereits etablierte Mediziner haben  – insofern sie Defizite, die nach der theoretischen Ausbildung bleiben nicht anderweitig ausgeglichen haben – dieselben Mängel: es gibt Chefärzte, die zum Begriff der medizinischen Indiktaion als Voraussetzung jedweder ärztlichen Maßnahme ebenso wenig zu sagen vermögen wie die von Borasio genannten Studenten. Das fortbestehende System der Hierarchie verbietet (nahezu) das eigenständige Denken oder Handeln, so daß man teilweise auf die Subversiven unter uns angewiesen ist – oder den eigenen gesunden Menschenverstand.

Der im o.g. Artikel zitierte Brief einer Patientin mit einer guten Beobachtungsgabe und Wortwitz findet man hier.

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7 Antworten

  1. So viel Arbeit? Wenig zu lesen hier, so komme ich nur von Zeit zu Zeit vorbei. Aber eigentlich auch weil ich selbst zuviel Arbeit habe. Ich bin nur mit dem kleinen Latinum ausgestattet. So konnte ich aber eine der letzten Sitzungen desto mehr genießen. Ein Mitarbeiter eines Chefs hatte diesen informiert: nosokomial wäre schon irgendwie eine Beleidigung, denn es käme vom nosokomeion und die so bezeichneten Keime würden doch meist eher von außen hinein geschleppt. Ein wenig Rufmord also. Wir haben uns eine halbe Stunde damit beschäftigt zu klären, dass wir den Begriff denn doch lieber nicht ändern möchten. Die Sitzungsteilnehmerinnen und -teilnehmer hatten offensichtlich zuwenig zu tun. Nachdem ich nun meine mangelhaften Sprachkenntnisse der versammelten Ärzteschar (es sind mehrheitlich Ärztinnen und Ärzte, egal auf welcher Seite sie sitzen) offenbart hatte half man mir großzügig: iterativ, so weiß ich jetzt, heißt schrittweise. Richtiger wäre an der Stelle konsekutiv gewesen, aber das habe ich nicht verraten. Herzlichen Gruß, Wolf

    • Ja, ich bin etwas nachlässig geworden – aber die Hektik, die die letzten Monate bestimmt hat ist bereits im Abklingen begriffen. Ich gelobe also Besserung.

      Schön, daß Gremien über die Zeit verfügen, sich mit solchen Wortklaubereien, äh, Details zu beschäftigen…

      Nosokomial bezieht sich auch eher auf den Ort, an dem der Betroffene sich die jeweilige Infektion o. Folgeerscheinung zugezogen hat, weniger auf die ursprüngliche Herkunft des Keimes…oder nicht??

  2. Es ging denen, die diese Diskussion anzettelten, eher darum, dass kein Stäubchen eines Schattens auf ebenjenen Ort fiele. Und bei der Gelegenheit ließ sich das Graecum gut unterbringen. Ich werde die Bereitstellung eines entsprechenden Wörterbuchs beantragen und besonders nach einer Kollegin oder einem Kollegen suchen, der mit einem Hebraeicum die Altklugen Profifunktionäre noch in den Schatten stellen kann. Ja, es ist genug Zeit und genug Geld da, wurde mir in diesen Gremien klar, obwohl es immer wieder dementiert wird.

    • Γνῶθι σεαυτόν (erkenne Dich selbst) möchte man diesen Herrschaften entgegnen..

      Wenn denn kein Stäubchen auf eben jenen Orten wäre, wozu dann die Gremien…leider sind die Krankenhäuser ja nicht in Utopia lokalisiert – ich halte die Einsicht in die persönlichen wie auch die Schwächen des Systems ja immer noch für eine Stärke…

  3. … eine Stärke, die ich in den Gremien bei den Stimmberechtigten noch zu keiner Zeit angetroffen habe. Hinderlich ist ja auch nur, dass die Schwächen nicht anzugehen sind ohne Einsicht in deren Vorhandensein. Das macht es so schwer und zäh. Wenn wir allein das Geld unnötiger bis gefährlicher Antibiose nähmen, diese also unterlassen und das gesparte Geld auf einen Haufen legten, damit könnten wir … aber wir tun es eben nicht. Vielleicht in ein paar Jahren. Bis dahin wird Händedesinfektion geübt. Millionenkampagne. «Et hätt noch immer jut gejange», sagt der Rheinländer. «Glück auf», entgegnet der Mensch aus dem Pott. Und wenn sie nicht gestorben sind …

    • ..wenn ich da an die enttäuschten und wütenden Gesichter der Patienten und Angehörigen denke, denen ich im Winter die Antibiose bei einem hochwahrscheinlich grippalen Infekt ohne klinische Beeinträchtigung verweigert habe….ich hatte ja schon mit einer Beschwerde gerechnet („Was kann ich denn für Sie tun?“ – „Ich brauche Antibiotika!“ – „Weswegen?“ -„Ich habe eine Grippe!“ – „Da helfen keine Antibiotika, sie schaden nur [man denke an die häufiger werdende Antibiotika-assoziierte Colitis, an deren Folgen alte Menschen durchaus sterben können], also werden Sie von mir keine bekommen.“ – „Aber ich brauche Antibiotika!!“….“Ja, aber die Oma ist doch nur wegen der Antibiotika gekommen!“ – „Die braucht sie nicht und deshalb wird sie sie von uns nicht bekommen.“ – Die hausärztlichen Kollegen dürfen diese Diskussionen vermutlich 1000fach führen….in Brandenburg laufen ihnen zwar deshalb die Patienten nicht weg, werden aber immer unzufriedener…

      Das Üben der Händedesinfektion scheint an vielen Stellen durchaus vonnöten…
      ..und der Krug geht noch immer so lange zu Boden, bis er bricht…
      Die da am Tisch sitzen sterben ja meist nicht … aus.

  4. Da hilft wahrscheinlich nur noch Antibiotika zu BTM zu erklären. Vielleicht 800.000 Neuinfektionen (MRSA) p.a. und bis zu 50.000 Tote p.a. müssen eine Konsequenz haben. Sonst sind wir bald durchseucht. Und freiwillig scheint es nicht zu gehen. Empfehlenswerte Publikumsinformationen in der letzten Sendung Quarks im wdr: http://www.wdr.de/tv/quarks/sendungsbeitraege/2009/0407/uebersicht_keime.jsp
    Wäre was für wartezimmer.tv
    PatV kann einfach nicht glauben, dass eine entschiedene Aktion nur in einer Schwarzwaldklinik eingeführt sein soll und dann auch noch von Kolleginnen und Kollegen Rufmord betrieben wird.

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