Kosten des deutschen Gesundheitssystems

Von der Bedarfshaltestelle aufgeschnappt: Kosten des deutschen Gesundheitssystems erläutert.

Dieses interaktive Poster scheint mir ein interessanter erster Schritt, um Organisation, Struktur und Kosten des Gesundheitswesens zu verstehen.

Was ich nicht gedacht hätte: daß ambulante Einrichtungen doch den größeren Anteil der Gelder erhalten. Wenn man so in der Notaufnahme eines Krankenhauses arbeitet, glaubt man, im ambulante Sektor liefe fast nichts mehr. Auf Ultraschalluntersuchungen (des Bauches) warten Patienten Wochen, hausärztliche Notdienste schicken regelhaft auch ambulant durchzuführende Dinge in die Notaufnahme. Was machen die nur mit all dem Geld?

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6 Antworten

  1. „Auf Ultraschalluntersuchungen (des Bauches) warten Patienten Wochen,“

    Nein, das mache ich jeden Tag – Wartezeit 1 Tag

    „hausärztliche Notdienste schicken regelhaft auch ambulant durchzuführende Dinge in die Notaufnahme.“

    Habe ich noch nie gemacht. Alle Kollegen. die ich kenne, auch nicht.

    Kenne viele Faktoren, die die Kosten steigern – Ich glaube diese beiden sind das nicht.

    • In der Gegend Deutschlands, in der ich arbeite, kommen diese Dinge in beinahe jedem Nachtdienst vor. Im Gebiet der ehemaligen DDR ist die hausärztliche Infrastruktur einfach grauenhaft. Die Kollegen, die Ultraschallgeräte selbst haben sind in sich dünn gesät, daher müssen sie meist weiter schicken: Resultat: neue Wartezeiten auf Termine, wenige Ärzte, die es machen. Also kommen die Patienten in die Notaufnahme.

      Hier ist es beinahe Usus, die Pat. telefonisch in die Notaufnahme zu schicken, ohne sie selbst gesehen zu haben. Wobei viele ihre Notdienste ja weitergeben. Nicht selten wird von Patienten auch erzählt, daß der hausärztliche Notdienst den Hausbesuch verweigert habe (bek. COPD, Husten, Auswurf) – diese Variante finde ich nun extrem gefährlich, es scheint sich aber noch nicht herumgesprochen zu haben, daß das strafbar ist. Einer der Highlights war die telefonisch gegebene Aufforderung, sich selbst in die Notaufnahme zu begeben, nachdem ein Patient retrosternale Schmerzen bei und nach Belastungs-EKG entwickelt hat (und so bereits zu Fuß nachhause entlassen worden war) – und das in ein Krankenhaus, dessen kardiologische Abteilung im Nachbarort lag! Enzyme waren prompt positiv.

      Nicht nur steigert das die Kosten, es führt zu Wartezeiten bis zu 8 Stunden in der Notaufnahme.

      In dieser Situation stechen natürlich die „fitten“ auch hervor: es gibt in unserem Einzugsgebiet von ca. 30 km Umkreis eine Handvoll Hausärzte, die wir alle namentlich kennen und von denen wir wissen, daß die Zusammenarbeit funktioniert und man Ihnen Patienten ambulant auch wieder schicken kann (das sind dann diejenigen, die anrufen und immer Vorbefunde, Medikamentenlisten etc. mitgeben und uns ihre Einschätzung mitteilen {„Ich schicke Ihnen Herrn M. mit einer Einweisung, so schnell kriege ich kein Röntgen, bleiben wollen wird er nicht, schreiben Sie mir bitte den Befund auf, den Rest mache ich“}. Andere schicken uns neurologische Krankheitsbilder in Kenntnis der nicht vorhandenen Neurologie in unserem Haus – kostet uns und den Patienten zuweilen Stunden, eine neurol. Verlegung zu organisieren.

      Was ich mal gerne zu dem Poster wissen würde ist: ist das System, an das Geld (das überwiegend im ambulanten Sektor lande) zu kommen (goes without saying: durch Arbeit) so verklausuliert, daß es nicht bei den Niedergelassenen landet?

  2. Weil es so gut in die Diskussion passt ein Schmankerl aus dem letzten Nachtdienst:

    Patientin kommt mit Symptomatik der Nebenwirkung eines Medikamentes nach OP, eine Woche schon geht es ihr schlecht, am Vortag ruft sie den Hausarzt an und bittet um einen Hausbesuch, da sie nicht aus dem Haus kann. Die Sprechstundenhilfe verspricht, es weiterzugeben. „Aber es kam kein Rückruf und kein Hausarzt – na ja, die sind ja alle überlastet“. Kommt mit Rettungsdienst (Kosten Transport zwischen 300 und 500 €) wegen unspezifischer Symptomatik, im Prinzip, weil Hausarzt sich – aus welchen Gründen auch immer – nicht um sie kümmert.

    Das ist ein klassisches Beispiel. Daß solche Dinge nicht zu den unnötigen Kosten des Gesundheitssystems führen, halte ich eher für ein Gerücht.

    • „…da sie nicht aus dem Haus kann.“ Was hatte sie denn? Oder erwartete sie nur die Nachbarin oder den Friseur? War sie gehunfähig? Welcher Art waren die Nebenwirkungen? Welche OP? Könnte es vielleicht sein, dass die Sprechstundenhilfe vergessen hat, es weiterzusagen? Auch nach Dienstschluss müssen Hausärzte immer (!) entweder selbst erreichbar sein oder eine Vertretung benennen. Das gilt für ganz Deutschland (für Gebietsärzte übrigens auch). Wie wär es denn mal gewesen, wenn die Rettungsleitstelle den hausärztlichen Notdienst anruft, um die Sache zu klären. Fragen über Fragen… Fehlerfrei sind wir übrigens alle nicht, auch nicht die Krankenhausärzte.

      • „Könnte es vielleicht sein, dass die Sprechstundenhilfe vergessen hat, es weiterzusagen?“

        Ja, das kann durchaus sein;
        Es wäre sicher auch interessant, solche Dinge zu verfolgen, nur öffne ich damit Gräben die zu nichts außer Ärger führen – wie man ja auch schon an Ihrer Antwort sieht.

        Die Patientin erwartete keinen Besuch. Die interessanten Fragen hätten auch der Hausarztpraxis zugestanden…

        „Auch nach Dienstschluss müssen Hausärzte immer (!) entweder selbst erreichbar sein oder eine Vertretung benennen. Das gilt für ganz Deutschland (für Gebietsärzte übrigens auch).“

        Ja, und auch die Schweigepflicht ist für alle bindend, weswegen ich hier nur Ansätze schildere und Ihre Fragen so nicht beantworten werde. Simple Nebenwirkung , eine rein hausärztliche Beratung hätte völlig ausgereicht.

        „Fehlerfrei sind wir übrigens alle nicht, auch nicht die Krankenhausärzte.“

        Das habe ich nicht unterstellt und schon mehrfach auf beiderseitige Kommunikatiosnprobleme hingewiesen (und da das Krankenhaus-System mein Hauptkritikpunkt ist führe ich das auch nicht weiter aus).
        Die Kosten im Gesundheitssystem werden durch solche Dinge dennoch in die Höhe getrieben – und nur um dieses Argument ging es mir.

  3. Jeder neue Arztsitz führt zu neuen Kosten. Jede neue Maschine, jede neue Methode, jedes neue Medikament auch. Wir haben von fast allem zuviel. Nicht immer an allen Stellen. Aber an den Luxus haben sich Ärzte und Patienten in allen Sektoren gewöhnt. Übrigens muss man kritisch fragen, welche Kosten denn bei imedo alle dem ambulanten Sektor zugeschlagen wurden. Ich habe es in der QS gelernt genauer hinzuschauen. Meist lohnt es sich und man wird auch noch schlauer dabei.

    Schön, dass Du wieder mitspielst, medbrain.

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