Lang, lang ist es her…

…daß ich hier etwas geschrieben habe. In eigener Sache zuletzt im Juli 2010. Viel ist passiert seither – ich habe erfolgreich meine Facharztprüfung Innere Medizin abgelegt, das Fachgebiet und den Arbeitgeber gewechselt. Für mich war es die beste Entscheidung meines Lebens in die Anästhesie zu wechseln. Ich bin von einer frustrierten Assistentin im Hamsterrad einer Klinik (oder vielleicht besser: einer internistischen Abteilung) zu einer zufriedenen Assistentin mit einer geregelten Arbeitszeit geworden. Das Wort Lebensqualität ist keine Worthülse sondern Realität.

Anästhesisten sind bei Patienten erst einmal per se gut angesehen – wer möchte ach schon ohne Narkose operiert werden? In geregelter Arbeitszeit kann ich – selbst zufrieden und entspannt den Patienten auch genau so begegnen, bin sensibel für ihre Sorgen, ihre Bedenken, ihre Ängste. Meine Gelassenheit liegt natürlich auch in der Atmosphäre begründet, die mein Arbeitgeber schafft (und nein, ich schreibe hier nicht in der ersten Begeisterung sondern nach knapp einem Dreivierteljahr).

Meine Sensibilität für die Anliegen und Sorgen von Patienten und ihren Angehörigen habe ich schon in meiner (ausklingenden) internistischen Zeit geschärft durch die Teilnahme an einer sogenannten Balintgruppe– das kann ich jedem internist. Assistenten und anderen aus dem Hamsterrad nur empfehlen.

Auch an mir selbst habe ich gearbeitet – kein Wechsel des Arbeitgebers geht vonstatten, ohne daß man in einer neuen Umgebung Federn läßt – autogenes Training hat mir sehr geholfen.Man möge bitte nicht glauben, ich lebte in oder auf einer rosa Wolke – auch ich habe mit großen und kleinen Schwierigkeiten zu kämpfen wie wir alle – aber trotz alledem bin ich zufrieden.

 

Eine traurige Episode

Im vergangenen Jahr habe ich am Beispiel eines Familienmitgliedes erlebt, wie man im deutschen Gesundheitssystem einen Menschen um sein Leben bringen kann – und das trotz medizinisch guter Grundvoraussetzungen und ungestraft.

Mensch hat Schmerzen gehabt und ausgehalten, bis es denn gar nicht mehr auszuhalten war. Erst dann wurde der Hausarzt informiert und nach erfolgtem Hausbesuch der Notarzt alarmiert. Es ging mit einem akuten Bauch in eine chirurgische Uniklinik. Notoperation, Multiorganversagen, Langzeitbeatmung, Herzrhythmusstörungen – alles überlebt (minus ca. 60% d. Dünndarmes). Sehr langsame Rekonvaleszenz mit hohem Dünndarmstoma. Keine ausreichende orale Nahrungsaufnahme möglich. Protest meiner Person – bei gesetzlich bestelltem Betreuer („Der Hausarzt weiß das besser“ – „War der schon da?“ – „Mit dem spreche ich noch!“ Hörer knallt auf), dem Hausarzt ( spottend „Das sind aber schoene Gedanken“ [intravenöse Ernährung]). Mensch wird unterernährt (bei liegendem zentralvenösem Dauersystem, weil ein Psychologe die klinischen Zusammenhänge gesehen hat) zur Rückverlagerung d. A.p. in die ursprüngliche Chirurgie gebracht und stirbt an Komplikationen, die sich aus Folgen der Unterernährung ergeben haben.

Ah, waren das beeindruckende Trauerszenen bei der Beerdigung.