Zwischen Fachidiotie und Subspezialisierung

In der Märkischen Allgemeinen Zeitung vom 22.9.2012 findet man auf der Titelseite unter der Überschrift „Notärzte sind oft überfordert“ die mittlerweile schon alte Debatte um einen Facharzt für Notfallmedizin.

Im Wirtschaftsteil derselben Ausgabe geht aus der Diskussion hervor, daß mit dem Begriff Notarzt diejenigen bezeichnet werden, die in Rettungsstellen (was ein alter Berliner Ausdruck für Notaufnahme ist) arbeiten und nicht etwa diejenigen Kollegen, die die Voraussetzungen für den Rettungsdienst erfüllt haben und entweder die Fachkunde Rettungsdienst oder die Zusatzbezeichnung Notfallmedizin erworben haben – unsaubere Ausdrucksweise, denn letzteres wäre die korrekte Definition des Begriffs Notarzt. Zitiert wird in im weiteren das Vorstandsmitglied der Berliner Ärztekammer, Herr Wyrich, der aufgrund der immer weiter reichenden Spezialisierungen der Fachgebiete Schwierigkeiten bei der Diagnosestellung sieht. Herr Wyrich fordert eine fünfjährige Ausbildung zum Facharzt für Notfallmedizin. Die Forderung wird immer wieder gestellt, jedoch wird nur selten hinterfragt, warum. Es gibt klare Weiterbildungskataloge für die großen Facharztausbildungen (man verzeihe einer Fachärztin für Innere Medizin die Arroganz Chirurgie, Innere Medizin und Neurologie als die großen Facharztausbildungen zu bezeichnen), die es bei Einhaltung ermöglichen, eine gute Grundausbildung zu erhalten, welche die daraus hervorhegehenden Fachärzte befähigt, Diagnosen zu erheben und Behandlungen vorzunehmen oder weiterzuleiten.

In Rettungsstellen werden – und dies wird in jenem Artikel klar benannt – nämlich just die Kollegen eingesetzt, die die geringste Erfahrung haben und die von einer etwaigen Voraussetzungen allenfalls gehört haben (zu diesen Voraussetzungen gehört u.a. eine mindestens 1,5 Jahre dauernde klinische Tätigkeit vor Beginn der Weiterbildung zum Erwerb der Zusatzbezeichnung, eine bestimmte Zeitspanne auf Intensivstation oder einer Notfallaufnahme). Wie diesem Sachverhalt mit einer neuen Facharztausbildung begegnet werden kann, habe ich nicht verstanden. Dies ist eine organisatorische und allenfalls politische Frage, die von den fachvorgesetzten Kollegen, den Krankenhausverwaltungen und – da diese es in den letzten Jahrzehnten nicht geändert haben – allenfalls der Politik zu klären ist.

Fakt ist auch, daß es in nicht wenigen Rettungsstellen in Brandenburg Kollegen gibt, die vorwiegend als Notärzte arbeiten (und ich bezeichne damit Kollegen mit Fachkunde Rettungsdienst oder Zusatzbezeichnung Notfallmedizin), ihre ursprünglichen Fachkenntnisse hinter sich gelassen haben („Ich bin hier nur der Notarzt“) und sich als Weiterreicher an die in den jeweiligen Häusern tätigen Kollegen der jeweiligen Abteilungen betätigen. So kommt es nicht selten vor, daß junge Patienten mit Synkope bei Gastroenteritis von einem Facharzt für Innere Medizin an einen wesentlich jüngeren und unerfahreneren Kollegen zur Aufnahme (!) weitergeleitet werden – nicht selten ohne eine komplette körperliche Untersuchung (die nicht sehr zeitaufwändig ist). Solche „Notfallpatienten“ (Eigendefinition der jeweiligen Patienten) werden dann in Krankenhäuser aufgenommen (ein Facharzt hat sie ja für aufnahmewürdig/-pflichtig befunden), verbreiten die entsprechenden Keime unter wesentlich älteren Patienten und Personal und leisten einen wesentlichen Beitrag zur Kostensteigerung im Gesundheitswesen. Arbeitszeit nehmen sie sowohl vom Facharzt der Rettungsstelle wie auch von der Fachabteilung in Anspruch, da die lästige körperliche Untersuchung eines infektiösen Patienten dem jungen Kollegen überlassen wird. Nachts wird das Motto „ich bin ja nur der Notarzt“ dann perfektioniert: „Was?! Gastroenteritis? – Ruf´den Internisten!“. Derart sortieren und Patienten adäquat verteilen können auch erfahrene Rettungsstellenschwestenr/-pfleger – und das oft besser als junge unerfahrene Kollegen. Mit Infusionen (ja, auch wir sind Dienstleister und müssen die Kundschaft zufriedenstellen; ja, auch ich habe Gastroenteritis ohne Infusionsgabe überlebt) ein bißchen Geschick und Umgangsformen lassen sich solche Patienten meist erklären, daß man ihren Auftrag („Machen Sie, daß es weg geht!“ – das ist kein Witz sondern die am häufigsten gegebene Antwort auf meine höfliche Nachfrage nach meinem Zielauftrag) schlicht nicht erfüllen kann und sie doch lieber im eigenen Bett bzw. über der eigenen Kloschüssel hängen wollen/sollten. Verantwortliche Arbeit von Notärzten kann auch zur sinnvollen Diagnose, Behandlung oder Weiterleitung führen – dies sei auch hier unbestritten, die Häufigkeit eines solchen Verhaltens dürfte wohl eher gering sein. Der Begriff des Facharztes für Notfallmedizin hat den Nimbus, nur für das akute Problem zuständig zu sein – nur ist das in der Realität leider nicht zielführend, da (außer in manchen chirurgischen Fällen) die gesundheitlichen Probleme von akut kranken Patienten doch komplexer sind, als der Begriff „akut“ vermuten lässt.

Womit wir bei der Definition von „Notfallpatienten“ wären. In dem eingangs zitierten Artikel wird ein Spektrum von Schnittwunde bis Herzinfarkt beschrieben. Grob betrachtet ist das nicht falsch, der weitaus größte Anteil der Patienten besteht aus hausärztlich zu lösenden Problematiken („Habe es die ganze Woche nicht zum Arzt geschafft“) wie dicker roter Zeh, Bauchschmerzen seit 1 Woche, juckender Ausschlag seit 1 h (Uhrzeit 7 Uhr morgens werktags), Schwellung im Daumen seit 1 h („das ist doch gefährlich!“ war Hämatom – „Wenn´s schlimmer wird, kommen wir sofort wieder“- „Neín, wenn´s schlimmer wird, gehen sie morgen zum Hausarzt“ – ja, das habe ich wirklich gesagt, in ruhigem, höflichen Ton), Schwindelgefühl intermittierend aber nicht gerade jetzt usw. Diese geschätzten 80% der Patienten im Nacht- und Wochenenddienst von Notaufnahmen nehmen den in den Notaufnahmen tätigen Kollegen die Energie und die Zeit, die wirklich kranken Patienten effektiv herauszufiltern. Wenn man sich 12 Stunden den Mund fusselig geredet hat, Untersuchungen in Auftrag gegeben und ausgewertet hat, sich zu jedem der Patienten noch Gedanken gemacht hat und diese dokumentiert hat (sonst gilt all das nicht als gemacht, was auch nicht falsch ist, denn es muss nachvollziehbar sein) dann kann man froh sein, wenn man noch geradeaus gehen kann. Selbst mit einem guten Grundgerüst an Kenntnissen und der erforderlichen Routine wollte ich von mir selbst nach12 oder gar 24h durchgehender Arbeit nicht mehr behandelt werden. Ein lückenhaftes Netz an niedergelassenen Ärzten sowie Kollegen, die den 24/7 Dienst der KV eben nicht verantwortungsvoll versehen sondern Patienten telefonisch an die Rettungsstelle verweisen (und nicht selten mit frechen und falschen Bemerkungen wie „Nein, ich kann Ihnen kein Kassenrezept ausstellen, das kann nur die Rettungsstelle“ – die darf es ja meist gerade nicht, wenn sie wie meist keine Ambulanzzulassung der KV zur Behandlung ambulanter Patienten hat) tragen zur Patientenbeschaffung und Kostensteigerung im Gesundheitswesen bei. Warum Krankenhäuser das nicht abwehren? Weil die niedergelassenen Kollegen die Hände sind, die sie mit Einweisungen füttern und man diese Hände nicht schlägt. Noch dazu lebt man ja von der Kundschaft vor Ort (insbesondere kleinere Häuser), so daß man alles versucht, sich diese auch nicht zu verprellen. Unbequeme Wahrheiten wie diese sagt auch kein Politiker (zumindest nicht ungestraft) seinen potentiellen Wählern.

Gerufen wird von der Deutschen Gesellschaft für Interdisziplinäre und Akutmedizin (DGINA) nach Generalisten in der Notaufnahme. Ich war bislang der Ansicht, daß man den Facharzt für Allgemeinmedizin noch nicht abgeschafft habe. Zugegeben ist es schwer, einen zu finden, der die Entscheidungen trifft, statt sie weiterzurreichen,aber noch ist es einfacher, als eine eierlegende Wollmilchsau zu erfinden.

Zum Abschluß stelle man sich bitte folgendes vor: einen Kollegen im ersten Weiterbildungsjahr an einem Wochenenddienst in einer natürlich brechend vollen Rettungsstelle mit 150 Patienten täglich, (zusätzlich hat er die stationären Patienten zu versorgen, die in der Rangfolge meist nach der Rettungsstelle dran sind). Zwei davon sind wirklich so krank, daß sie dringend ärztliche Hilfe brauchen – welche Rolle hätten Sie gerne?

„Wir sind in Deutschland auf diese Situation gut vorbereitet“

…schreibt das Bundesministerium für Gesundheit auf seiner Homepage in Bezug auf die Schweinegrippe.

Die durch das RKI empfohlenen Maßnahmen werden eingehalten, aber wie immer auf kuriose Weise. Die Theorie ist klar und wird entsprechend weitergegeben. De facto ist aber unklar, wer die Kosten für Schnelltest und PCR trägt. Aktuell handhaben das die meisten „Hausärzte“ in der Umgebung unserer Klinik so, daß sie Patienten vorsichtshalber gar nicht erst behandeln sondern wie im KV-Notdienst bereits weidlich praktiziert mit der Bemerkung „Gehen Sie gleich in die Notaufnahme“ an uns weiterreichen, damit die Kosten sie ja nicht treffen. Natürlich wird eine Meldung an das Gesundheitsamt von den Hausärzten damit tunlichst vermieden.

Als ich bei einer der Verteiler auf die Krankenhäuser auch Hausärzte genannt anrief, das Ergebnis des Schnelltestes weitergab und mich traute, nachzufragen, warum man denn nicht selbst einen Schnelltest gemacht oder gemeldet habe, bekam ich zur Antwort, der Schnelltest müsse vom Patienten getragen werden und die Klientel am Ort sei nicht bereit, dies zu tun. Da man sich mit seinen Patienten nicht über monetäre Angelegenheiten streiten wolle, habe man die Patientin zu uns geschickt.

Nach Auskunft der Bürgerhotline werden die jeweiligen Tests – sofern medizinisch notwendig – durch die Krankenkassen getragen (bei Privatversicherten abhängig vom Vertrag).

Wie immer werden wir uns nicht mit der Hand streiten, die uns füttert (und ein Krankenhaus lebt ja von den Einweisungen der Niedergelassenen), aber unsauber ist das Weiterreichgebaren dennoch.

Kosten des deutschen Gesundheitssystems

Von der Bedarfshaltestelle aufgeschnappt: Kosten des deutschen Gesundheitssystems erläutert.

Dieses interaktive Poster scheint mir ein interessanter erster Schritt, um Organisation, Struktur und Kosten des Gesundheitswesens zu verstehen.

Was ich nicht gedacht hätte: daß ambulante Einrichtungen doch den größeren Anteil der Gelder erhalten. Wenn man so in der Notaufnahme eines Krankenhauses arbeitet, glaubt man, im ambulante Sektor liefe fast nichts mehr. Auf Ultraschalluntersuchungen (des Bauches) warten Patienten Wochen, hausärztliche Notdienste schicken regelhaft auch ambulant durchzuführende Dinge in die Notaufnahme. Was machen die nur mit all dem Geld?

Altneue Erkenntnisse

Als ich am (humanistischen) Gymnasium meiner Heimatstadt Abitur machte – mit großem Latinum und Altgriechisch Leistungskurs wurde ich als Dinosaurier angesehen, wenn ich  – gefragt nach dem Zweck der humanistischen Bildung – auf eine fundierte Allgemeinbildung verwies. „Pah“ kommentierte ein Familienmitglied, das den naturwissenschaftlichen Zug eines Gymnasiums absolviert und das Abitur mit dem Durchschnitt 1,1 abgelegt hatte. Nutzen werde mir dies nicht. Er entsprach dem Zeitgeist – und war stolz darauf.

Meine humanistische Bildung hat mir ein weit gefächertes Allgemeinwissen und die Fähigkeit beschert, über meinen eigenen Tellerrand hinaussehen zu können. Sicherlich kann sie hierfür keine Garantie geben, doch hat ein großer Anteil derjenigen, die von dem Begriff Fachidioten nicht betroffen sind, eine solche humanistische Ausbildung genossen.

Zu meinem großen Erstaunen gewinnt sie wieder an „offizieller“ Anerkennung, wie der Artikel des Palliativmediziners Gian Domenico Borasio zeigt, der einige der eklatanten Kommunikationsprobleme deutlich benennt. Er beschreibt seine Erfahrungen mit Medizinstudenten am Ende der theoretischen Ausbildung, ohne jedoch die offensichtliche Schlußfolgerung zu ziehen: bereits etablierte Mediziner haben  – insofern sie Defizite, die nach der theoretischen Ausbildung bleiben nicht anderweitig ausgeglichen haben – dieselben Mängel: es gibt Chefärzte, die zum Begriff der medizinischen Indiktaion als Voraussetzung jedweder ärztlichen Maßnahme ebenso wenig zu sagen vermögen wie die von Borasio genannten Studenten. Das fortbestehende System der Hierarchie verbietet (nahezu) das eigenständige Denken oder Handeln, so daß man teilweise auf die Subversiven unter uns angewiesen ist – oder den eigenen gesunden Menschenverstand.

Der im o.g. Artikel zitierte Brief einer Patientin mit einer guten Beobachtungsgabe und Wortwitz findet man hier.

Aufgrund der aktuellen politischen Lage im Gazastreifen…

…wurden die geplanten Konzerte des West Eastern Divan Orchestra in Kairo und Qatar abgesagt. So jedenfalls ein Sprecher der Staatsoper bei einem Konzert mit Daniel Barenboim Anfang der Woche. Stattdessen findet nun ein Konzert des West Eastern Divan Orchestra in der Staatsoper Unter den Linden in Berlin am Montag den 12.01.09 statt. Karten gibt es noch zu kaufen!

Jetzt reicht´s!

Mit besonderer Freude habe ich heute meine Registrierung in der britischen Ärztekammer erneuert, denn die Arbeitsbedingungen und Erwartungshaltungen an die Abputzer des Gesundheitssystems haben ein Ausmaß erreicht, das die Auswanderung ins europäische Ausland verlangt. Aufgrund meiner Englischkenntnisse und bereits seit der Approbation bestehenden Mitgliedschaft in der britischen Ärztekammer wird das in meinem Fall Großbritannien sein. Es lebe die europäische Freizügigkeit! Ich werde so schnell wie möglich meinen Facharzt machen, um dann zu verschwinden.

Das Ausmaß der Unverschämtheiten im Notdienst nimmt nicht ab, sondern zu. Natürlich ist der Notdienst wie auch der Klinikdienst in Relation zur geleisteten Arbeit schlecht bezahlt. Die Erwartungshaltung der Patienten ist ungeheuerlich. Für einen Harnwegsinfekt, der seit 3 Tagen besteht, wird nachts (um 3 Uhr morgens präziser gesagt) ein Arzt angerufen.

Die Patienten werden in wenigen Jahren sehen, wie sie versorgt sind: von ausländischen Ärzten, die man ausnutzen wird und deren Sprachkenntnisse oft direkt proportional zu ihren Fachkenntnissen sind. Deren Anzahl wird im Gegensatz zur Zahl derjeniger ausländischen Ärzten mit gutem medizinischem Niveau, von denen ich nicht wenige kenne und von denen ich viel gelernt habe, zunehmen. Auf einer der Stationen meiner neuen Stelle wurde ich freudig mit den Worten „Ah, mal jemand, der der deutschen Sprache mächtig ist!“ begrüßt – und das in einem mittelgroßen Krankenhaus.

Man weiß auf oberer Ebene durchaus, daß die Arbeitsbedingungen selbst den größten und zähesten Idealisten vergraulen können:

„Mehr als jede zweite Klinik in Ostdeutschland könne offene Arztstellen nicht besetzen, im Westen seien es 24 Prozent. Hoppe: «Zu wenige sind bereit, sich dauerhaft in die Patientenversorgung zu begeben.» Der Arztberuf mache einfach «keinen Spaß» mehr.

Die Ärztefunktionäre machten vergleichsweise schlechte Arbeitsbedingungen, schlechte Bezahlung und hohe Belastungen für die Missstände verantwortlich. Hoppe sprach von unbezahlten Überstunden im Wert von 1,2 Milliarden Euro. Köhler sagte: «Deutsche Ärzte arbeiten in der Woche im Durchschnitt 50,6 Stunden» – zehn Stunden mehr als andere EU-Spitzenreiter. Dazu komme, dass «die Hierarchien im Krankenhaus stärker ausgebildet sind als im Militär».“

Und nicht nur das – bei den oben genannten Arbeitsbedingungen fresse ich auch noch die Launen von unverschämten Angehörigen! Leute, was glaubt Ihr eigentlich, mit wem ihr es zu tun habt? Mit mir macht ihr das nicht mehr lange!

Alles, was ich wollte, war ein einigermaßen höflicher Umgangston. Aber das war scheinbar zu viel verlangt.

Wenn mein Zorn wieder abgekühlt ist, werde ich berichten, was mich derart auf die Palme getrieben hat.

Weiterführende Links:

Den Fetisch gewechselt…

…hat offenbar Lea Rosh, die Publizistin mit jüdischer Tünche – in diesem Fall einem jüdisch klingenden Namen. In der neuen Ausgabe des Cicero käut/gibt sie alt-neue Tatsachen wieder unter dem Titel „Die Täter sind unter uns“. Nicht, dass es nicht stimmte – nur dieser pseudomoralische Zeigefinger einer dem Namen nach mit Komplexen behafteten Person hat mitunter schon etwas komödiantisches. Jetzt ist sie den Stasi-Tätern auf der Spur. War ja auch nur eine Frage der Zeit, bis sie wieder in der Öffentlichkeit auftaucht. Bald wirbt sie mit einem Plakat des Stasi Gefängnisses Hohenschönhausen als Sommerfrische.

Is reason 6/7 of treason?

Das Jewish Theological Seminary of America setzt mit sofortiger Wirkung seinen Beschluß, schwule und lesbische Kandidaten offiziell in seine Studiengänge aufzunehmen, um.

Die Entwicklung als solche war absehbar – und erwartet, der interessanteste Aspekt für konservative Juden liegt jedoch in der halachischen Begründung.

Arnold Eisen, der Kanzler des JTS, fasst sie in seinem Communique sehr prägnant zusammen:

I begin by directly confronting the two major obstacles standing in the way of a credible stance allowing for gay and lesbian ordination. The first is Leviticus chapter 18, verse 22. “Do not lie with a male as one lies with a woman; it is abomination (to’eva).” Is the text not crystal clear? Is it not God’s word? Why, then, were learned rabbis (and the rest of us) even debating the acceptability of homosexuality? The question has been posed to me many times. It cannot be avoided by any Jew who takes the Torah seriously. No matter how complicated our relationship to the Torah, how much we move away from obedience to its rules, or whatever our views on the divine or human nature of its authorship — one cannot cavalierly dismiss Leviticus and then claim faithfulness to the larger tradition of Torah of which the Five Books of Moses are the core. Integrity and authenticity require more than this.

Moreover, if one claims to be a halakhic Jew, the Oral Torah (as we call Jewish law and teaching over the centuries) also weighs in with serious objection to ordaining gays and lesbians. There is precious little legal precedent that can be invoked in favor of such ordination in the entire 2,000-year history of the Jewish rabbinic tradition. One finds instead either reaffirmation of previous opinion or utter silence on the matter — though there are legal opinions urging welcome of and compassion toward homosexuals. To Conservative Jews, the weight of Rabbinic opinion is no less decisive than the words of the Torah, and it is arguably more so. As Solomon Schechter explained a century ago, “It is not the mere revealed Bible that is of first importance to the Jew, but the Bible as it repeats itself in history, in other words, as it is interpreted by tradition.” That is why the fact of Leviticus 18:22 in and of itself did not free the CJLS or any other Conservative Jew from the need to debate the matter of gay and lesbian ordination.

Our sages found ways two millennia ago to limit the applicability of biblical statutes, one famous example being Deuteronomy’s injunction to put the rebellious son to death. The Rabbis effectively rendered that injunction unenforceable. They have defined and limited the applicability of numerous other biblical ordinances, including some set forth in Leviticus. I am among the faculty members (including many rabbis and experts in Talmud) who are persuaded by the argument that established procedures of halakhah allow for and mandate revision of the legal limitations placed upon homosexual activity; or perhaps one should say that these procedures allow for and mandate expansion of the welcome and acceptance accorded homosexuals under previous Law Committee rulings.

Wenn ich die Argumentation der Gegner richtig lese, hält sie an der Praxis der Halacha über die Jahrtausende um ihrer selbst willen fest.Jede Veränderung würde konservatives jüdisches Leben zum Einsturz bringen. Um auf mein Thurber Zitat im Titel zurück zu kommen: die These lautet: überdenkt man ein Detail, stürzt das konservative Judentum in sich zusammen.

Ich hingegen bin der Ansicht, dass gerade die Stärke des konservativen Judentums in der kritischen Auseinandersetzung mit Halacha und Tradition liegt. Jüdische Lesben und Schwule sollen mit den Geboten leben, warum sollte der Schöpfer sie so geschaffen habe, wie sie sind und ihnen dann das Leben verbieten?

Zum Weiterlesen…

Braun, braun, braun

…ist die Substanz, die unter der katholischen Tünche hervorlugt.

Anderorts wurde über die rassistischen Vergleiche des Bischofs Hanke sachlich berichtet ebenso wie über den Eindruck, den sie in Israel hinterlassen. Nur die Stellungnahmen der Deutschen Bischofskonferenz scheinen noch kein Aufsehen erregt zu haben.

Kardinal Lehmann, dessen Stimme ich sehr viel eher zu hören erwartet hätte, hat geantwortet. Nur kann ich seine Worte nicht mit den Tatsachen in Einklang bringen – er schreibt an Avner Shalev, den Vorsitzenden der Gedenkstätte Yad Vashem (Betonung von mir):

„Wenig später sind wir in die Palästinensergebiete gereist, wo nicht wenige Bischöfe, besonders im Schatten der Sicherheitszäune und Mauern in Bethlehem, eine starke innere Anspannung angesichts der bedrückenden Situation verspürten. Dieses Gefühl der Bedrängung hat dann auch in einigen harten Äußerungen seinen Niederschlag gefunden, von denen einzelne sicherlich nicht angemessen waren. Solche situativ zugespitzten Äußerungen dürfen allerdings nicht verwechselt werden mit einer umfassenden Beurteilung der Gesamtlage, der eine abgewogene Prüfung der Zusammenhänge und eine Gewichtung aller Gesichtspunkte zugrunde liegt. Eine solche Gesamtbewertung habe ich in meiner Abschluss-Presseerklärung versucht. Sie wird von allen Bischöfen geteilt.

Nicht nur, dass Hankes und Mixas Äußerungen der dargestellten Haltung Lehmanns diametral entgegegesetzt liegen – es kommt noch besser:

„Auch diejenigen, die in scharfem Ton über die Lage in den Autonomiegebieten gesprochen haben, stellen in keiner Weise die Bedrohung der Israelis durch den Terrorismus in Frage. Auch sie vertreten uneingeschränkt das Existenz- und Selbstverteidigungsrecht des Staates Israel.“

Doie Vorstellung des Herrn Hanke vom israelischen Selbstverteidigungsrecht spiegelt sich in dieser Darstellung wider:

“Israel has, of course, the right to exist, but this right cannot be realized in such a brutal manner,” said Bishop Hanke, who later stated that he intends to amend this year’s Easter message to German churches so as to include the delegation’s political impressions from their visit to the territories and a demand to change the situation.“

Auf die „Osterbotschaft“ bin ich ja nun sehr gespannt. In seiner bodenlosen Arroganz schwingt ein gewisses Sendungsbewußtsein mit, anderen seinen Antisemitismus nach allen Regeln der Kunst und seines Amtes nicht nur vorzuleben, sondern auch zu lehren.

Der folgende Abschnitt von Lehmanns Brief klingt wie Hohn (Betonung erneut meine):

„Die Gefühle der Überlebenden der Shoa oder der jüdischen Bevölkerung in Israel zu verletzen, war zweifelsfrei niemandes Absicht. Die deutschen Bischöfe sind und bleiben sich ihrer besonderen historischen Verantwortung bewusst. Wir wissen: Dies muss sich auch im sensiblen Umgang mit unseren Worten stets aufs Neue beweisen.
Diesem Auftrag wollen wir auch in Zukunft treu verbunden bleiben.“

Vielleicht kann er uns wenigstens die Durchführung des letzten Satzes ersparen??

Denn wie Dieter Graumann so treffend angemerkt hat, brauchen Menschen, die solche Freunde haben, keine Feinde mehr. In der Tat – einen Mangel an Antisemiten gibt es in Deutschland nicht.

Kardinal Lehmanns Brief in voller Länge

Wem noch nicht übel genug ist, der kann hier die Stellungnahme von Dr. Hans Langendörfer SJ, dem Sekretär der Deutschen Bischofskonferenz nachlesen, die noch verwaschener als die des Kardinal Lehmann ist.

Alan Posener hat eine hervorragende Antwort gegeben, die man hier findet.

Feindbilder und Selbstanalyse

Beer7, deren wohldurchdachte und besonnene Artikel ich gerne und oft lese, hat mich besonders durch diesen Artikel zum Nachdenken über Feindblider und eigene Positionen gebracht.
In dem beschriebenen Treffen einer israelisch-kanadischen Jüdin (Lisa) und einer schwedischen Konvertitin zum Islam in Schweden (Imaan) – beide Blogger – wird von einem anonymen Kommentator in Imaans Blog die Frage gestellt, ob es Imaan nicht störe, dass Lisa „Siedlerin“ sei.
Lisa lebt – aus ihrem Blog klar ersichtlich – in Tel Aviv – wie definiert anonymous damit das besetzte Gebiet? Offenbar als ganz Israel.

In die Köpfe der anonymen Tiradenschwinger (ich würde wetten, anonymous zählt dazu) kann ich mich nur sehr schwer versetzen. Die Feindbilder müssen tief sitzen, wenn es schon außergewöhnlich scheint, mit einer Jüdin an einem Tisch zu sitzen, wenn [alle] Siedler als negativ betrachtet werden und man das für normal hält.

Meine eigenen Positionen und deren Wandel im Lauf der Jahre habe ich bei der Reflexion Revue passieren lassen.

Siedler – Menschen die in den besetzten Gebieten leben (und schon die Definition der besetzten Gebiete ist nicht so ganz leicht, wie sie scheinen mag – die Grenzen von 1967 schließen z.B. de facto-Vororte von Jerusalem genannt Siedlungen [Maale Adumim] nicht mit ein) – sind nicht per se Fanatiker. Soweit, so stabil meine Ansicht, an der sich in den letzten Jahren nichts geändert hat.

Gleichwohl ich Israel schon lange liebe – die offene und auch offen aggressive Art (was sind doch Europäer manchmal Weicheier), die doch an der Tagesordnung ist, die Kollegialität, der Charme des Landes – hätte ich mich früher (ok, das ist jetzt wirklich relativ, sagen wir vor ein bis zwei Jahren) nicht als Zionistin bezeichnet. Für mich bedeutete Zionismus als Haltung die unterschwellige Forderung, alle Juden sollen nach Israel auswandern. So sehr ich Israel liebe, bin ich doch Europäerin. Aber je mehr Juden in Deutschland als Stellvertreter Israels zur Entgegennahme der oft antisemitisch motivierten Kritik herangezogen werden, desto mehr werde ich Zionistin. Wenn man sowieso der ewige Israeli ist, warum soll man dann bitte nicht auswandern? Nicht, daß ich das vorhätte oder gar anderen raten würde , nur die Rechtfertigung gewinnt an Substanz – mich wird man so einfach jedenfalls nicht los.

Was verbinde ich mit verschiedenen Stichworten?

„Die Araber als Gesamtheit“ – ein Oxymoron.

Palästinenser – Mißtrauen

Muslime – neutral: kommt immer auf den Menschen an- nebenbei haben Islam und Judentum vieles gemein. Mehr als man uns so zutraut. Und es gibt Dialog zwischenMuslimen und Juden auf gleicher Augenhöhe mit gegenseitigem Respekt des jeweils Anderen.

Philosemiten – bäh!

Im Laufe vieler Jahre immer ausgeprägter geworden ist meine Abneigung gegenüber dem Schubladendenken (kommt oft in immer neuen Moden) – auf allen Seiten.